Schlagwort-Archive: Gesellschaft

Großer Fuß auf kleiner Erde?

Die Erde ist begrenzt und kann daher nur begrenzt Ressourcen zur Verfügung stellen. Wie viele Ressourcen benötigen wir? Was steht uns zu Verfügung?

Bilanzieren mit dem Ecological Footprint

ErdeGesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ)
Deutsche Gesellschaft für
Internationale Zusammenarbeit (GIZ) 2010
Bonn & Eschborn, 136 Seiten.

Wo wir auch wohnen, auf dem Dorf oder mitten in der Großstadt: Die Bereitstellung von Lebensmitteln, Kleidung, Energie oder Baumaterial für Häuser und Schulen – unser gesamtes Leben hängt von der Versorgung durch die Ökosysteme des Planeten Erde ab. Der Ecological Footprint ist ein Messinstrument für dieses Naturkapital. Er zeigt, dass wir die Ressourcen für unseren Lebensunterhalt deutlich schneller verbrauchen, als sie erneuert werden können.
Footprint-Daten machen auch globale Unterschiede deutlich und erfahrbar. Vergleicht man z.B. den Naturverbrauch eines durchschnittlichen Deutschen mit dem eines Einwohners von Madagaskar, der sich mit einem Fünftel der Naturressourcen begnügt, stellen sich viele Fragen: Worin genau unterscheiden sich die Lebensstile der Länder? Weiter gefasst: Wie ist die globale Wirtschaft organisiert, wenn sie zu solchen Ergebnissen führt? Oder: Ist das gerecht? Aber auch ganz einfach: Wie will jeder Einzelne von uns leben? Was ist uns wichtig?

Grauer Footprint

Aus dem Ressourcenverbrauch, der nicht eindeutig einer Person zugeordnet werden kann, ergibt sich ein Grauer Footprint oder “gesellschaftliche Overhead”. Er umfasst alle Leistungen, die von einer Gesellschaft für die Allgemeinheit erbracht werde, wie der Bau und Unterhaltung von Schulen, Krankenhäusern, Wohnraum und Verkehrswegen. Auch der Betrieb von Banken, Versicherungen, Polizei, Feuerwehr, Militär und Aufwendungen für Parlamente und Regierungen gehören dazu.

Zwar wird der Wohnraum von einzelnen Personen genutzt, denen für das Wohnen selbst ein Footprint  zugeordnet werden kann, aber der Footprint für die Errichtung des Wohnraums wird allen Bewohnern zugeteilt. Es erfolgt also gewissermaßen eine Abschreibung des Footprints über die Nutzungsdauer des Wohnraums.

Grauer Footprint ist Ressourcennutzung, für die alle verantwortlich sind.

Der Graue Footprint macht etwa ein Drittel des Ökologischen Fußabdrucks aus. Er kann von dir alleine nicht beeinflusst werden, sondern ist nur von unserer Gesellschaft als Gemeinschaft veränderbar. Deshalb ist dein gesellschaftliches Engagement so wichtig.

Diese gesellschaftlichen Veränderungen werden stattfinden. Sie werden aber immer angestoßen von einzelnen Menschen und Gruppen. Hier hast du Möglichkeiten, Veränderungen voranzutreiben.

Der überflüssige Mensch

Unruhe bewahren.

Der ueberfluessige MenschIlija Trojanow
Residenz Verlag 2013
St. Pölten. 86 Seiten.

Ein Essay zur Würde des Menschen im Spätkapitalismus. Wer nichts produziert und nichts konsumiert, ist überflüssig so die mörderische Logik des Spätkapitalismus. Überbevölkerung sei das größte Problem unseres Planeten so die internationalen Eliten. Doch wenn die Menschheit reduziert werden soll, wer soll dann verschwinden, fragt Trojanow in seiner humanistischen Streitschrift wider die Überflüssigkeit des Menschen. Welcher Mensch ist überflüssig? In seinen eindringlichen Analysen schlägt er den Bogen von den Verheerungen des Klimawandels über die Erbarmungslosigkeit neoliberaler Arbeitsmarktpolitik bis zu den massenmedialen Apokalypsen, die wir, die scheinbaren Gewinner, mit Begeisterung verfolgen. Doch wir täuschen uns: Es geht auch um uns. Es geht um alles.

Interview mit Ilija Trojanow auf MDR Figaro

Menschenzeit

Zerstören oder gestalten? Die entscheidende Epoche unseres Planeten.

Menschenzeit-kleinChristian Schwägerl
Riemann Verlag 2010
München. 320 Seiten.

Der renommierte Wissenschaftsjournalist Christian Schwägerl (Der Spiegel) beschreibt, warum wir im „Anthropozän“, dem Zeitalter des Menschen, leben – in dem wir den Planeten Erde in atemberaubender Geschwindigkeit grundlegend verändern. Der Mensch erschafft neue Landschaften, greift in das Weltklima ein, leert die Meere, erzeugt neuartige Lebewesen. Die Grenzen zwischen Natur und Kultur verschwinden. Aus der Umwelt wird eine “Menschenwelt” – doch sie ist geprägt von Kurzsichtigkeit und Raubbau. Entwickeln wir nun die Reife, unsere Macht für eine lange Zukunft zu nutzen?

“Menschenzeit” beschreibt den steilen Aufstieg unserer Art, die Umweltkrisen von heute und Szenarien für die menschgemachte Biosphäre der Zukunft. Das Buch zeigt auf, warum sich vor allem die Menschen im Westen bewusst im Konsum mäßigen und zugleich die Kräfte der Wissenschaft neu mobilisieren müssen. Es gibt eine Chance für ein fruchtbares Zeitalter des Menschen – jetzt. “Menschenzeit” ist “eine Einladung an jeden Einzelnen, sich einer neuen Bürgerbewegung anzuschließen” (NDR), “ein subtiles, reflektiertes Mutmacherbuch” (Tagesspiegel), eine “atemberaubende planetare Vision” (FAZ).

Ein feuilletonistisches Buch, das praktische alle relevanten Themen anspricht, sie aber leider nicht wirklich bearbeitet. Zudem glaubt der Autor u.a. in Gentechnik und Geo-Engineering die Lösung der Problem zu finden. Erstaunlich auch, dass der Ökologische Fußabdruck nur ein einziges Mal erwähnt wird, ohne aber auf die Quelle und Methodik zu verweisen. Schafft Raum für die eingehende Behandlung mit dem Footprint.

Interview mit Christian Schwägerl

Don’t think of an elephant

Know your values and frame the debate.

don't think of an elephantGeorge Lakoff
Chelsea  Green Publishing Company 2004
White River Junction. 124 Seiten.

Am Beispiel der USA wird gezeigt, wie Werte durch Begriffe vermittelt werden und wie damit die öffentliche Meinung beeinflusst wird.  Lakoff zeigt in Don’t think of an elephant anschaulich, wie Sprache Werte transportiert und wie gefährlich es ist, die Sprache des politischen Gegners zu übernehmen. Obwohl man meint, dem Gegner zu widersprechen, bestätigt man ihm durch die von ihm vorgegebenen Begriffe. Ein anderes Beispiel ist die Verwendung negativer Begriffe, obwohl doch etwas Positives hervorgehoben werden soll. Viele engagierte Menschen heben hervor, dass sie einen Eingriff verhindert (negativ) haben. Besser wäre es jedoch, zu betonen, was man alles bewahrt (positiv) hat.

 

 

Erhältlich auch über die Global Marshall Plan Foundation.

Befreiung vom Überfluss

Auf dem Weg in eine Postwachstumsökonomie.

Paech Befreiung vom UeberflussNiko Paech
oekom Verlag 2013
München. 153 Seiten.

Noch ist die Welt nicht bereit, von der Droge “Wachstum” zu lassen. Aber die Diskussion über das Ende der Maßlosigkeit nimmt an Fahrt auf. Der Umweltökonom Niko Paech liefert dazu die passende Streitschrift, die ein “grünes” Wachstum als Mythos entlarvt. Nach einer vollen Arbeitswoche möchte man sich auch mal etwas gönnen: ein neues Auto, ein iPad, einen Flachbildfernseher. Ruckzuck steckt man im Teufelskreis aus Konsumwunsch und Zeitmangel. Und nicht nur das: der stete Ruf nach “mehr” lässt Rohstoffe schwinden und treibt die Umweltzerstörung voran. Dabei gelten “grünes” Wirtschaftswachstum und “nachhaltiger” Konsum als neuer Königsweg. Doch den feinen Unterschied hier “gutes”, dort “schlechtes” Wachstum hält Niko Paech für Augenwischerei. In seinem Gegenentwurf, der Postwachstumsökonomie, fordert er industrielle Wertschöpfungsprozesse einzuschränken und lokale Selbstversorgungsmuster zu stärken.
Das von Paech skizzierte Wirtschaften wäre genügsamer, aber auch stabiler und ökologisch verträglicher. Und es würde viele Menschen entlasten, denen im Hamsterrad der materiellen Selbstverwirklichung schon ganz schwindelig wird.

‘In seinem Buch widerspricht Paech vehement der Vision einer grünen und nachhaltigen Wirtschaft, für die sich auch der Rio+20-Gipfel aussprach. Ihre Fürsprecher setzen auf Wachstum, nur eben umwelt- und ressourcenschonender. Für Paech der falsche Weg:

“Es geht nicht darum, technische Lösungen zu verteufeln. Es geht auch nicht darum, Prozesse des Suchens und Findens neuer Lösungen auszusetzen. Es geht nur darum, sich klar zu machen, dass diese neuen Lösungen niemals dazu führen können, dass das Bruttoinlandsprodukt weiter wachsen und gleichzeitig eine Entlastung der Ökosphäre dabei herauskommen kann.”

Ein grünes Wirtschaftswachstum: Für Paech ist das schlichtweg ein Mythos und begründet seine Haltung an verschiedenen Beispielen: Die Elektromobilität lässt den Bedarf an Seltenen Erden steigen. Der Ausbau von Windkraftanlagen verbraucht Flächen. Der Bau von Passivhäusern führt zu neuen Baugebieten für Einfamilienhäuser, das heißt Landstriche werden versiegelt und der Wohnraum pro Person bleibt viel zu hoch – auch wenn das neue Eigenheim auch noch so umweltfreundlich geplant wurde.

Die Geschichte des technischen Fortschritts war niemals etwas anderes als eine Abfolge von Übergängen zu höheren Ebenen des Energieverbrauchs.

Auf den 150 Seiten verfällt Paech nicht in Groll oder Alarmismus. Im Ton sachlich entwirft er sein Modell einer Postwachstumsökonomie, das er für alternativlos hält. Pointiert macht er klar: Entweder Politik und Bürger gestalten selbst den gesellschaftlichen Umbau oder künftige Energie- und Umweltkrisen werden sie dazu zwingen.

Im Gegenzug verspricht der Volkswirt mehr Freiheit und Selbstbestimmtheit. Indem die Bürger ihren Wohlstandsballast abwerfen, befreien sie sich vom Zwang des Konsums und erfahren dabei auch noch Glück:

“Vielleicht ist mein Glück etwas bescheidener gemessen an den materiellen Inputs. Aber dafür kann ich von mir sagen, dass die Art von Glück, die ich empfinde, insoweit ehrlich ist, als andere Menschen im selben Rahmen genauso versuchen können, glücklich zu werden. Die Übertragbarkeit meines Glücks ist mir dabei wichtig und vor allem, dass mein Glück nicht das Resultat von Plünderung ist.”

Doch wie ehrlich will eine moderne Konsumgesellschaft sein? Reduktion klingt nicht sexy – Subsistenzwirtschaft nach Strickpullover und Sandalen. Da klingt das Versprechen einer nachhaltigen Wirtschaft attraktiver: Nicht teilen, sondern die Geländelimousine mit Biosprit fahren. Spottbillig in den Süden fliegen und zur Beruhigung dafür ein paar Euros für ein Nachhaltigkeitsprojekt spenden.

Es ist gerade Paechs radikale Position, die bei der Lektüre des Buches dazu anregt, ehrlich über den eigenen Konsum, die eigene Wohlstandsanhäufung nachzudenken. Und so liefert Paech mit seiner “Befreiung vom Überfluss” ein sehr kompaktes sowie wichtiges Buch. Der Leser mag bei der Lektüre ab und an den Kopf schütteln und sich fragen, wie realistisch eine Postwachstumsökonomie ist. Doch das Buch bietet mit seinen konsequenten Forderungen mehr Anregungen als manche “Weiter-So-Literatur”.’
Sonja Ernst, Deutschlandfunk 06.06.2012

Tage der Utopie 2013

Bericht der Badischen Zeitung vom 28. Januar 2013 zur Veranstaltung “Wachstum und wie weiter?” an der Katholischen Akademie in Freiburg.

Interview mit Niko Paech auf einfachbewusst.de

Wir Wettermacher

Wie die Menschen das Klima verändern und was das für unser Leben auf der Erde bedeutet.

wir wettermacherTim Flannery
S. Fischer Verlag 2006
Frankfurt am Main. 397 Seiten.

Verheerende Hurrikans, Frühlingswetter im November, schmelzende Gletscher, verdorrende Felder: Was wir als “Klimawandel”oder”Treibhauseffekt”kennen, nimmt immer schärfere, immer bedrohlichere Züge an – zum Teil direkt vor unserer Haustür.
Der Naturforscher und Klimahistoriker Tim Flannery zeigt uns in “Wir Wettermacher” eindrucksvoll, wie fatal die Lage wirklich ist, in welche die Menschheit sich gebracht hat: Wir müssen auf der Stelle handeln, um diese Entwicklung noch umzudrehen. Denn die Wettermacher, das sind wir!
Sie werden überrascht sein, wie viel Sie tun können – dieses Buch wird Ihr Leben
verändern!

“Tim Flannery will aufrütteln mit seinem Buch und er wendet sich nicht von ungefähr an Laien – an uns alle, denn wir alle sind hier gefragt. Wir dürfen, so der Autor, eine Entscheidung, die Leib und Leben von Milliarden von Menschen und die gesamte Natur dieses Planeten betrifft, nicht allein Fachgremien überlassen. Wir müssen Druck ausüben – zum einen sollten wir ganz deutlich das Thema in unserer Wahlentscheidung eine Rolle spielen lassen.

Und so lange effektive Gegenmaßnahmen fehlen, sollten wir zum anderen persönlich dafür sorgen, dass wir unseren Strom aus nachhaltiger Stromproduktion beziehen und unsere Fortbewegung umweltverträglich gestalten.”
Susanne Billig, Deutschlandradio Kultur 02.03.2006


Wohlstand ohne Wachstum

Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt.

Wohlstand ohne WachstumTim Jackson
oekom Verlag 2011
München. 231 Seiten.

Wachstum ist nicht alles, aber ohne Wachstum ist alles nichts – ist dieses Ökonomen-Mantra noch zukunftsfähig? Und wenn ja, ist es dann auch vertretbar angesichts weltweiter ökologischer Schäden und wohlfahrtsgefährdender ökonomischer Krisen? Nein, meint der britische Ökonom Tim Jackson, aber er predigt deshalb nicht die ökonomische Abstinenz oder die Rückkehr zum Jagen und Sammeln. Sein Ansatz geht über strukturelle Korrekturen der ökonomischen Systeme und ökologische Schönheitsreparaturen hinaus und zielt letztlich auf eine veränderte Definition von Lebenszufriedenheit und Wohlstand. Jackson regt mehr Investitionen in öffentliche Güter und die stärkere Betonung sozialer und ökologischer Verantwortung in den Unternehmensstrukturen an. Rechte und Pflichten der ökonomisch Handelnden sollen enger verschränkt werden. Das Buch macht deutlich, dass dem Wohlstand ohne Wachstum hohe Hürden gegenüberstehen. Es gehe aber, so Jackson, darum, an den Wandel zu glauben und sich für ihn einzusetzen.

Einige Positionen in diesem Buch:

Gewinnstreben und Verbrauchernachfrage treiben das Wachstum an.

Effizienzsteigerungen reichen nicht aus, den Ressourcenverbrauch durch Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum zu kompensieren. Für eine absolute Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch, also die Abnahme des Ressourcenverbrauchs bei steigendem Wachstum, wäre jedoch ein Überkompensation notwendig.

Zunehmende Arbeitsproduktivität führt zu mehr Wachstum und Ressourcenverbrauch. Bei gleichbleibendem oder geringeren Verbrauch führt sie zu Arbeitslosigkeit.

Ein Weg zu einer ökologischen Makroökonomie besteht darin, den Konsum zugunsten „grüner“ Investitionen zurückzuführen. Das Bedürfnis in der Rezession zu sparen wird damit befriedigt und gleichzeitig Kapital für Investitionen bereitgestellt und der Konsum reduziert.

Grüne Investitionen wären Investitionen in Ressourcenproduktivität, erneuerbare Energien, saubere Technologien, Klimaanpassung und Stärkung der Ökosysteme.

Wohlstand ist nicht mit Einkommen gleichzusetzen. Höhere Einkommen und Ungleichheit der Einkommen schadet dem Wohlstand, weil es Scham und Konsumismus fördert, denn wir definieren uns über unseren Konsum.

Trotz vieler Gegeninitiativen ist es schwierig, den herrschenden Konsummustern zu entkommen, da gesellschaftlich falsche Anreize gesetzt werden. Staatliche Förderung des Individualverkehrs, niedrige Gehälter für soziale Berufe, fehlende Förderung von Sparanstrengungen, oft schwieriges Recycling oder fehlende CO2-Abgabe gehören dazu. Von staatlicher Seite braucht es den Abbau falscher Anreize für nichtnachhaltigen Wettbewerb um Status, und den Aufbau neuer Strukturen, die Menschen befähigen, zu gedeihen und auf weniger materialistischer Art am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Ein Element dieser Strategie ist der Abbau sozialer Ungleichheit.

Das Streben nach materiellem Wohlstand untergräbt die Grundlagen dafür, Wohlstand für alle zu schaffen.

Dauerhafter Wohlstand ist nur zu erreichen, wenn Menschen die Fähigkeit haben, innerhalb der ökologischen Grenzen des Planeten zu leben.

Erreicht wird das durch:

  • Ökologisch bewusste Makroökonomie, um die strukturelle Abhängigkeit vom Konsumismus zu reduzieren.
  • Die Logik des Konsumismus verändern. Da die Umgestaltung der Grundversorgungssysteme (Ernährung, Wohnen, Mobilität) auf Nachhaltigkeit nicht ausreicht, müssen Alternativen gefunden werden, wie alle Menschen die Chance auf vollwertige Teilnahme am gesellschaftlichen Leben haben.

Die Rolle der Regierung

Es ist Aufgabe der Regierung, wirtschaftliche Stabilität zu sichern (→ Hermann). Daher wurde das Eingreifen des Staates in der Finanzkrise akzeptiert. Gesellschaftliche Normen werden durch den Staat gesetzt. Es entscheidet über Bildungs- und Beschäftigungspolitik, durch Produktnormen, Steuern und Abgaben, Regulierung und Unterstützung von Medien und Initiativen.

Aufgabe des Staates ist es, individuelle Freiheiten gegen das Allgemeinwohl abzuwägen. Um langfristiges Wohlergehen gegenüber kurzfristige Annehmlichkeiten zu sichern gibt (gab) es „Instrumente der Selbstverpflichtung“, wie Sparkonten, die Institution Ehe, Normen für soziales Verhalten und den Staat.

Eigennutz, die schwindende Bereitschaft, bindende Verpflichtungen einzugehen, ist strukturelle Folge des Reichtums und strukturelle Voraussetzung für Wachstum. Gleichzeitig höhlt Wachstum die Instrumente zur Selbstverpflichtung aus.

Individuelles Streben nach Neuem ist Voraussetzung für Konsumwachstum, von dem die ökonomische Stabilität abhängt. Da die Regierung für die Stabilität der Volkswirtschaft verantwortlich ist, wird dieses Streben gefördert.

Der Staat steht vor dem Dilemma, das Allgemeinwohl vor Übergriffen des Marktes zu schützen, als auch für die Stabilität der Wirtschaft zu sorgen. Daher kann er unter den herrschenden Bedingungen nicht anders, als dem Wirtschaftswachstum den Vorrang zu geben. Eine Änderung zu mehr Nachhaltigkeit ist nur mit dem Staat zu erreichen, der ein demokratisches Mandat voraussetzt.

„Ein Regierungsmodell, das den Wohlstand im Auge hat, verfolgt die gleichen Ziele, die auch für ein nachhaltiges Wirtschaftssystem wichtig sind. Das Wachstum hat den Staat in eine Zwickmühle gebracht. Errettet man die Wirtschaft aus diesem Dilemma, hat auch der Staat die Chance, zumindest sich selbst zu retten.“

Empfehlungen für den Weg in ein nachhaltiges Wirtschaftssystem

Die Grenzen festsetzen

  • Obergrenze für Ressourcen und Emissionen sowie Reduktionsziele. Gleichheit und ökologische Grenzen verknüpfen durch das Modell „Kontraktion und Konversion“, d.h. die Pro-Kopf-Zuteilung innerhalb der ökologischen Grenzen, wobei die Obergrenze auf ein nachhaltiges Niveau abgesenkt wird.
  • Steuerreform für Nachhaltigkeit. Ökologisch schädliche Aktivitäten (Umweltbelastung) werden besteuert, wirtschaftlich Erwünschtes (Einkommen) entlastet.
  • Ökologischen Wandel in Entwicklungsländern unterstützen. Raum für dringend nötiges Wachstum in ärmeren Ländern schaffen und auf Nachhaltigkeit anlegen. Diese Wachstum wird durch Binnenkonsum und Handel zwischen den sich entwickelnden Ländern gestützt.

Das Wirtschaftsmodell reparieren

  • Eine ökologische Makroökonomie entwickeln. Statt in Produktionswachstum in den strukturellen Übergang auf kohlenstoffarme, arbeitsintensive Aktivitäten investieren.
  • In Arbeitsplätze, Vermögenswerte und Infrastruktur investieren.
    – Gebäude sanieren, energie sparen, CO2-arm werden
    – Erneuerbare Energien förden
    – Versorgungsnetze umgestalten
    – Öffentliche Transportmittel ausbauen
    – Öffentliche Räume schaffen
    – Ökosysteme erhalten und schützen
  • Mehr finanzielle und steuerpolitische Umsicht. Finanzmärkte reglementieren, destabilisierende Finanzpraktiken verbieten, exzessive Vergütungen beschneiden, mehr Anreize für das Sparen in Inland schaffen.
  • Steuern auf internationale Devisentranfers (Tobin-Steuer)
  • Öffentliche Kontrolle der Geldmenge, d.h. Kredite müssen voll durch Reserven der Bank abgesichert sein.
  • Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung revidieren. Statt des BIP sind aussagekräftigere Indikatoren nötig, bspw. Verteilung von Einkommen, Entwicklung des Naturkapital, Umweltverschmutzung, soziale Kosten, Dienstleistungen außerhalb des Marktes (Hausarbeit, Ehrenamt) einbeziehen. Die Gesamtrechnung ist von „defensiven“ Ausgaben und Statuskonsum zu bereinigen.

Die gesellschaftlich Logik ändern

  • Regulierung der Arbeitszeit. Wenn die Produktion gedeckelt wird, muss die Arbeit geteilt werden, um den Lebensstandard zu sichern. Vorteile wären höhere Flexibilität bei den Arbeitszeiten, keine Benachteiligung von Teilzeitarbeit.
  • Die systembedingte Ungleichheit bekämpfen. Dadurch sinken soziale Kosten, erhöht sich die Lebensqualität, und die Dynamik des Statuskonsums ändert sich. Dazu gehören neue Strukturen bei der Bemessung der Einkommenssteuer. Unter- und Obergrenze bei Einkommen, verbesserter Zugang zu Bildung, Gesetze gegen Diskriminierung und die Verbesserung des örtlichen Umfelds in benachteiligten Gegenden.
  • Gedeihen und Fähigkeiten messen. Als Maß für Wohlstand könnte Lebenserwartung, Bildungsteilhabe, Vertrauen, Belastbarkeit von Gemeinschaften und Teilhabe am öffentlichen Leben dienen.
  • Das Sozialkapital stärken. Öffentliche Räume schaffen und schützen, lokale Initiativen für Nachhaltigkeit fördern, Arbeiten und Wohnen zusammenführen, Fortbildung für „grüne“ Berufe, bessere Zugänge zu lebenslangem Lernen schaffen, größere Planungshoheit für örtliche Verwaltungen, öffentlichen Rundfunk, Museen, Bibliotheken, Parks und Grünflächen sichern.
  • Die Kultur des Konsumismus abbauen.
    – Verbot der kommerziellen Werbung, die an Kinder gerichtet ist
    – Schaffung werbefreier Zonen
    – Staatliche Förderung öffentlicher Medien
    – Richtlinien für den Handel (Fairness, Obsoleszenz)
    – Alternativen zum Lebensstil als Konsument schaffen

„Die Finanzkrise von 2008 hat eines ganz klar gezeigt: Unser derzeitiges Modell für wirtschaftlichen Erfolg ist von Grund auf falsch. Für die hoch entwickelten Volkswirtschaften der westlichen Welt ist Wohlstand ohne Wachstum kein utopischer Traum mehr, er ist eine finanzpolitische und ökologische Notwendigkeit.“

Hierzu auch der Gastbeitrag von Tim Jackson in der ZEIT 44/2011

Let’s make money

Was macht die Bank mit unserem Geld?

Let's make moneyCaspar Dohmen
orange press 2008
Freiburg. 220 Seiten.

Millionen, Milliarden, Billionen: Jeden Tag haben die Zahlen mehr Nullen, die uns die Medien präsentieren. Aber niemand sagt uns, welche Auswirkungen die globale Finanzkrise auf unser Leben hat.

Erwin Wagenhofer hat für den Film “Let’s Make Money” die Orte aufgesucht, an denen Geld verdient, vermehrt oder vernichtet wird. Er war in Niedrigstlohnländern, Steueroasen und in den Finanzzentren der Welt. Er zeigt uns die Realität hinter den verführerischen Werbesprüchen der Banken, die uns raten, unser Geld arbeiten zu lassen.

Das Buch von Caspar Hohmen liefert Hintergründe, Geschichten und Fakten zum Film und erläutert für alle verständlich die Basics unseres Wirtschaftssystems.

Der gekaufte Staat

Wie Konzernvertreter in deutschen Ministerien sich ihre Gesetze selbst schreiben.

Sascha AdDer gekaufte Staatamek  & Kim Otto
Verlag Kiepenheuer & Witsch 2008, 2001
Köln. 244 Seiten.

Hunderte Vertreter deutscher Großkonzerne haben in Bundesministerien eigene Schreibtische bezogen. Bezahlt werden sie von den Unternehmen. Sie arbeiten an Gesetzen mit und sind politisch immer am Ball. Die Unabhängigkeit staatlicher Entscheidungen ist in Gefahr – und damit die Demokratie selbst. Die Recherchen der Autoren veranlassten den Bundesrechnungshof, ihre Prüfer erstmals in alle Bundesministerien zu schicken.

Obwohl bereits einige Jahre alt, ist “Der gekaufte Staat” leider noch immer hochaktuell.