Verzerrte Wahrnehmung

von Petra Stechele

Immer wieder staune ich, welch verzerrte Wahrnehmung einem im Zusammenhang mit dem Umweltproblem begegnen kann. Kürzlich las ich folgenden Satz in meiner lokalen Tageszeitung:

Der Atomausstieg bringt große Risiken für den Steuerzahler mit sich.

Da ist zunächst die völlig falsche Darstellung des Problems. Es ist nicht so sehr der Atomausstieg, der die Kosten verursacht, sondern es sind die Folgen des Atomeinstiegs und zwar schon seit es die Atomkraft gibt. Jegliche Schäden die auftreten, bezahlt seit jeher der Steuerzahler. Folgen der Umweltkatastrophen bei Störfällen, Gesundheitsschäden an Menschen, die im Umkreis leben und bereits im normalen Betrieb von Strahlenbelastungen betroffen sind, insbesondere von Kindern. Macht man sich denn gar keine Gedanken, woher die vielen Krebsfälle bei jungen Menschen kommen. (Natürlich gibt es dafür auch noch andere Ursachen.) Dann ist da noch die Lagerung gebrauchter Brennstäbe und deren Folgen. Die Frage der Endlagerung, auch wenn der Betrieb der Kraftwerke weiterginge, ist sie nach wie vor ungelöst. Alte, schadhafte und unsichere Kernkraftwerke müssen ohnehin teuerst rückgebaut werden.

Wir sollten uns endlich eingestehen, dass wir hier für einen Fehler bezahlen, den wir bereitwilligst mitverschuldet haben, indem wir einverstanden waren. Jedenfalls für lange Zeit und viele sind es noch heute, wenn sie keinen Ökostrom beziehen.

Die großen Risiken sind reine Kosten für etwas, das ohnehin zu entrichten sein wird, heute oder von späteren Generationen, zusammen mit all den Kosten, die bis dahin noch an Umwelt und Menschen entstehen werden, wenn die Kernkraftwerke (und Kohlekraftwerke) weiterbetrieben werden. Es kann hier also nicht von Risiken gesprochen werden, sondern von reiner Schadensbegrenzung. Im eigentlichen Sinn also keinesfalls Risiken, sondern das genaue Gegenteil, Risikominderung ist hier beabsichtigt. Der Steuerzahler kann das Risiko für seine Gesundheit und die seiner Kinder wenigstens in diesem einen Bereich verringern.

Der so genannte Steuerzahler. Wer ist das eigentlich? Geht es hier nicht viel mehr um Menschenleben, um Kinderleben, egal, ob sie im eigentlichen Sinne selbst schon Steuern zahlen oder nicht. Der Faktor des Steuernzahlens ist völlig unerheblich. Es ist eine grundsätzliche Frage, was mit Steuergeldern überhaupt bezahlt werden soll und wer für die Folgen der Kernkraft aufkommen muss. Wem wird hier das Wort geredet? Keineswegs wirkte dieser Titel so, als wäre er im Sinne eines imaginären Steuerzahlers. Vielmehr redet er den Energiekonzernen das Wort. (Ich bezweifelte aber, dass das im Sinne des Autors war, als ich den dazugehörigen Artikel las.) Vielmehr ist es einfach nur Polemik. Hier wird die imaginäre Figur eines Steuerzahlers heraufbeschworen, der Schuldzuschreibungen vornimmt und immer sich selbst als armes Würstchen sieht.

Aber ja, was wird mit unseren Steuern nicht alles finanziert, was muss alles finanziert werden? Wir zahlen für alles. Zuerst dafür, dass Schäden angerichtet werden und dann dafür, dass sie wieder behoben werden. Wenn wir die Kriege betrachten, ist es ganz eindeutig. Wir zahlen für die Militäreinsätze und für den Wiederaufbau, für die Rettung und Versorgung der Opfer schon nicht mehr so gerne. Dabei profitieren wir (die deutsche Wirtschaft) davon, dass anderswo Menschen sterben. Deutschland hat im Jahr 2015 für mehr als 7,5 Milliarden Euro Waffen exportiert (https://www.welt.de/wirtschaft/article152530428/Die-Maer-vom-Rueckgang-deutscher-Waffenexporte.html). Am Aufbau der verwüsteten Regionen verdienen deutsche Bauunternehmen (https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wiederaufbau-in-libyen-in-der-transall-nach-bengasi-1.1134179).

Genauso ist es mit den Umweltschäden. Regen wir uns darüber auf, dass sie verursacht werden? Nur einige wenige. Den meisten ist es relativ gleichgültig. Sie ziehen vor, nicht hinzusehen. Nehmen wir die Klimaschäden. Wie oft hört man: „Ich hab es lieber warm.“? Nehmen wir die Energiefrage: „Wie viele Leute stören sich mehr an der Optik eines Windrades, als an der eines Amazon- oder Ikea-Hauptlagers oder dem einer riesigen Spedition, dem eines Kraftwerkes? Warum sind Windräder so ein Stein des Anstoßes? Ich bin in einem Nebelgebiet auf stürmischer Hochebene unter Windrädern hindurchgefahren auf wenige Meter Distanz und habe sie nicht einmal bemerkt, erst als der Nebel sich verzog. Dennoch hört man ständig, sie seien laut. Vielleicht das Billigexemplar?

Wie vielen Leuten ist es egal, wie und unter welchen Umständen ein Produkt erzeugt wird und wo es Schäden verursacht? Hauptsache wir sehen es nicht. Ein Chemiker sagte mal: „Unsere Flüsse sind so sauber wie nie.“ Klar, weil wir die Schäden ja outsourcen! Wir vergiften die Flüsse in Indien und anderen Ländern. Im selben Atemzug höre ich andere über Nächstenliebe predigen und werde mir darüber klar, dass das heute nicht mehr genügt, es muss um Fernstenliebe gehen. Oder um Liebe zur Welt und ihren Menschen!
Kürzlich erzählte mir eine Frau, die als Hausmeisterin einer großen Wohnanlage arbeitet, wie schlecht bezahlt sie sei und welches Ausmaß die Ausbeutung langsam annehme. Das stimmt! Danach beschwerte sie sich darüber, dass man beim Discounter nicht freundlich bedient würde. Als ich entgegnete, dass es dort eben auch nur schlecht bezahlte Leute gäbe, die ausgebeutet würden, meinte sie, sie müsse eben sparen. Dabei entgeht diesen Leuten, dass sie damit die Teufelsspirale antreiben, deren Opfer sie am Ende selbst sind, dass sie den Bedarf nach Billigprodukten, die ökologische Misswirtschaft, die Ausbeutung der Böden in der Landwirtschaft dadurch mit verursachen. Gleichzeitig ist die gesamte Familie aber übergewichtig. Da es auch noch andere Läden gibt, bei denen die Bedienung schon etwas freundlicher ist, könnte man zumindest damit beginnen, sich nach der Decke zu strecken und manchmal denken. „Weniger ist mehr“, auch beim Essen. Zudem wäre es gesünder.

Dieselbe Frau berichtete auch davon, dass ihre Kinder alles, was von den eigenen Kindern anfalle, einfach wegwerfen würden, von Spielzeug, über Kleidung bis hin zu Möbeln. Statt an Wiederverwendung zu denken, wird der Container bemüht, bei jedem Umzug der Sperrmüll! Dies ist eine logische Folge des Billigkonsums. Was nichts wert ist, taugt nur für den Müll! Umso schneller wird es wieder entsorgt. Weil es ja nicht hält, weil es ja nicht mal das wenige Geld wert ist. Aber wohin geht dieser Müll? Das ist diesen Menschen schon wieder egal. Weg! Dass sie damit genau die Zukunft der Kinder gefährden, die sie gerade aufziehen, sehen sie nicht. Denn weg ist nicht weg! Weg heißt: es lagert auf einer mondähnlichen Müllkippe (haben sie aber noch nie gesehen!), weg heißt: verbrannt in der Müllverbrennung (wohin gehen die giftigen Abgase und Schlacken?) Warum haben die Leute dann Asthma? Weg heißt: Von welchen Ressourcen sollen die Kinder einmal ihr Leben bestreiten, wenn Böden und Landschaften vernichtet sind? Die Zusammenhänge werden nie hergestellt. Man steigt in den Flieger und fliegt auf die Insel, dahin, wo es noch schön ist. Man hört weg, wenn die Bewohner dort klagen, wie sie zu kämpfen haben, um diese Schönheit vor Zerstörung zu bewahren. Das ist deren Problem, denn man wohnt dort ja nicht!

Natürlich ist diese Familie kein Einzelfall. Sie ist leider typisch. Es gibt noch zu viele davon!

Und ja, ich sehe darin auch ein Versagen der Bildung, das bis zum heutigen Tag andauert, denn bis heute hat sich die Bildungspolitik dieses Problem nicht klar gemacht. Weil unser Bildungssystem anpasst, statt kritikfähig zu machen und zu eigenständigem Denken zu erziehen

Verzerrte Wahrnehmung. Ein Vogel-Strauß-Lebensstil, der alles ausblendet, was er nicht sehen will, auch und vor allem, wenn es die unbequeme Wahrheit ist. Eine absolute Verdrehung der Wahrheit im Zusammenhang mit all diesen Fragen. Und so wird hier sehr schnell aus dem Risiko für das Leben ein Risiko für den Geldbeutel und aus dem Menschen ein Steuerzahler.

Aber hier geht es um nichts Geringeres als eine gesunde und lebenswerte Umwelt für Menschen auch in der Zukunft.

Facebooktwittergoogle_plusreddittumblrmail

Schreibe einen Kommentar

You have to agree to the comment policy.