Ran an die Buletten

Von Petra Stechele und Stefan Simonis

Kürzlich löste der Artikel von Elisabeth Raether im ZEITmagazin (DIE ZEIT Nr. 30) „Ran an die Buletten“ heftige Reaktionen bei einigen Veganern und Vegeta­riern aus. Grundsätzlich erscheint aber eine derartige Polarisierung auf Gegen­sätze angesichts der ökologischen Situation wenig sinnvoll.

Das veranlasste uns, den Artikel nochmal genauer anzuschauen. Frau Raethers Recherchen erscheinen uns zu einseitig und selektiv. Es ging ihr dabei offenbar vorwiegend darum, ihre Rezeptkolumne gegen den Vorwurf von Veganern und Vegetariern zu verteidigen, dass sie immer wieder Fleisch verwende.

Sie wollte wohl die Grenzen des Fleischverzichts ausloten oder sinnvollen Fleischkonsum anregen. Dies jedoch ist unserer Ansicht nach nicht gelungen. Sie hatte in ihrem Artikel behauptet, dass Landwirtschaft ohne Nutztierhaltung nicht funktionieren würde, weil man dann mineralischen Dünger bräuchte. Dazu war sie auf einem Demeterhof, der versucht, einen Kreislauf bei der Be­wirtschaftung zu erzeugen. Der Landwirt erklärte, Gründüngung würde nicht ausreichen und benötige auf Dauer Ergänzung durch Phosphate. Sie schildert dann die ökologischen Folgen der Herstellung und Anwendung dieser Dünge­mittel. Jedoch lässt sie außer Acht, dass auch die Düngung mit Mist und Gülle zu Überdüngung führt und schädlich für die Gewässer ist, wenn sie in den Men­gen angewendet wird, wie das in der industriellen Landwirtschaft üblich ist (Heinrich Böll Stiftung 2013).

Die Alternative zum (übermäßigen) Fleischkonsum ist nicht der vollständige Verzicht auf tierische Produkte. Selbst wenn das so praktiziert werden würde, könnte man mit der genannten Gründüngung und Klärschlamm düngen. Denn wenn wir schon annehmen, dass alle Menschen Veganer werden, können wir auch annehmen, dass sie sich so gesund ernähren, dass der Klärschlamm keine problematischen Stoffe enthält.

Allerdings bliebe noch zu bedenken, wie es sich mit Medikamenten verhält, ohne die manche Menschen nicht auskommen und die sich dann auch im Klär­schlamm befinden. Jedenfalls, solange uns noch nicht gelingt, uns so gesund zu ernähren, dass wir auch tatsächlich gesund bleiben. Dies gilt aber im gleichen Maße für die tierische Düngung, wie sie bei uns zur Zeit praktiziert wird. In der Schweinezucht gehört der Einsatz von Hormonen zur Reproduktionssteigerung und für planbare Geburtstermine zum Standard. Diese Hormone gelangen in Grund- und Oberflächenwasser, wobei nicht klar ist, welche Wirkung sie dort möglicherweise entfalten (Heinrich Böll Stiftung 2014). Die Massentierhaltung macht erhöhten Einsatz von Antibiotika notwendig, die sich dann in der Umwelt wiederfinden und zu Resistenzen der Erreger führen. In den multiresistenten Keimen, mit denen Kliniken heute kämpfen, sehen wir die Folgen. Und im Be­mühen der Forscher, ständig neue Antibiotika zu entwickeln, weil die gängigen nicht mehr wirken. Zahlreiche Todesfälle sind die Konsequenz.

Grundsätzlich erscheint Nutztierhaltung nicht völlig unsinnig, wenn diese Tiere in artgerechter Weidewirtschaft leben dürfen. Es ist vorstellbar, dass dann die Tiere nicht dauernd krank werden und so eine sinnvolle Viehzucht möglich ist. Durch kleinere Bestände reduziert sich im Krankheitsfall die Ansteckungsge­fahr, sodass auf die prophylaktische Gabe von Antibiotika verzichtet werden kann.

Andererseits muss auch die Nahrung der Tiere erzeugt werden, ohne dafür Ur­wälder zu roden. Waldabholzung für Futtermittel ist nicht mehr vertretbar. Wenn man nicht gierig wirtschaftet, sondern weniger Tiere hält, fressen diese das Heu und die Futtermittel, die auf dem Hof wachsen. Das ist aber nur mit ei­ner deutlich reduzierteren Nutztierhaltung möglich, da wir die Weideflächen hierzulande nicht haben. Deutschland benötigt, bei einer für Ernährungszwecke nutzbaren landwirtschaftlichen Fläche von weniger als 17 Millionen Hektar, mehr als 20 Millionen Hektar Fläche allein für den Inlandsverbrauch an Ernäh­rungsgütern. Davon sind mehr als 57 Prozent für Produkte tierischen Ursprungs (Statistisches Bundesamt 2013). Im Sinne der Reduzierung des Fleischkonsums ist also auch zu begrüßen, wenn manche Menschen vollständig auf Fleisch ver­zichten. Somit ist die Aufforderung „Ran an die Buletten“ völlig überzogen.

Dass der Tausch der Garantie eines glücklichen und gesunden Lebens der Tiere gegen die Schlachtung der Tiere durch die Menschen ein „guter Deal“ sei, stimmt vielleicht für die biologische Landwirtschaft.

Wenn jedoch rund 99 Prozent des Fleisches aus Massentierhaltung stammen, kann man nicht mehr von einem guten Deal zwischen Mensch und Tier spre­chen. Haltung und Schlachtung unter den Bedingungen der Massenproduktion sind schrecklich. Es gibt zahlreiche Berichte, die das belegen (z. B. Foer 2010). Auch ist, wie bereits erwähnt, als Ursache für die Überdüngung der Böden und Vergiftung des Grundwassers die hohe Besatzdichte in der Massentierhaltung zu nennen. Im Übrigen wird für den Anbau der Futtermittel wiederum Mineral­dünger eingesetzt, sodass es auch auf diesem Weg zur Überdüngung der Ge­wässer kommt. Stattdessen wird der Eindruck erweckt, als würden durch Vega­ner die Gewässer vergiftet, weil Gemüseanbau ohne Tierhaltung nicht funktio­niere und daher synthetische Düngemittel eingesetzt werden müssten.

Wie das Statistische Bundesamt (2013) belegt, haben wir nicht genug Fläche, um die Futtermittel für unsere Nutztiere selbst anzubauen. Dazu benötigen wir Einfuhren. Überhaupt nicht zur Sprache gekommen ist das Problem des Land­grabbing für den Futtermittelanbau, durch den Menschen in den südlichen Län­dern in den Hunger getrieben werden, weil sie der Fläche für den Anbau ihrer Lebensmittel beraubt werden (Liberti 2012, Ziegler 2011).

Der Grund für die Sojaimporte sind nicht fehlende Zollschranken, sondern un­ser ÜBERMÄSSIGER Fleischkonsum, der uns möglichst wenig kosten soll.

Mag sein, dass global zwei Drittel der landwirtschaftlich genutzten Fläche Wei­den sind, die anders nicht genutzt werden können. Aber das sind nicht die Flä­chen, auf denen UNSERE Nutztiere stehen, denn die stehen überwiegend in rie­sigen Ställen, ohne jemals das Sonnenlicht sehen zu können und werden (unter anderem) mit Sojaschrot gefüttert. Nur in den Ländern des Südens werden Tie­re gehalten (und dann gegessen), die auf Flächen weiden, die anders nicht zu nutzen wären.

Dass vegane Ernährung nicht unbedingt sein muss, ist richtig, aber es geht dann um eine Ernährung, wie sie früher üblich war, ausgewogen, mit wenig Fleisch, so wie man das einst für selbstverständlich hielt, als Fleisch noch knapp und teuer war, weil es gar keine industrielle Landwirtschaft gab. Hähn­chen, Koteletts und Wurst gehörten früher nicht zum Alltag. Jeden Tag Fleisch zu verzehren, war nicht normal, wie der Ausdruck „Sonntagsbraten“ be­legt.

Was den Vergleich hinsichtlich des Treibhauseffektes, also der CO2-Emissionen angeht, schneidet eine vegane Ernährung mit Abstand am besten ab. Sie er­zeugt nur 5% des Treibhausgases von konventioneller und sogar Bioernährung mit Rindfleisch. Vegetarische Bioernährung liegt da immer noch bei 50% (Food­watch 2008). Somit also sollten wir froh sein über jeden, der sich vegan er­nährt, auch wenn wir selbst das nicht so hinbekommen oder nicht wollen. Eine Reduktion des Fleischkonsums ist auf jeden Fall sinnvoll.

Früher wurde auch das Tier vollständiger verzehrt. Das allerdings sieht Elisa­beth Raether sehr richtig. Gerade bei unseren französischen Nachbarn oder im Baskenland werden alle Teile eines Tieres verwendet. Wenn man die Märkte besucht, kann man Zungen, Köpfe, Innereien, Füße, Ohren sehen und in den Restaurants noch ab und an, sofern sie traditionell kochen, leckere Zuberei­tungsarten dafür entdecken.

Allerdings, das ist auch richtig, ekelt uns heute davor. Dass jemand ein Tier nur isst, wenn es sauber rechteckig zugeschnitten, rosig, steril und eingeschweißt daliegt, erscheint uns sehr fragwürdig. In diesem Fall sollte man wohl wirklich besser auf Fleisch verzichten oder sich der Realität des Fleischkonsums stellen. Vielleicht würde dann manchmal der Verzicht auch viel leichter fallen, wenn die natürliche Entstehung des Fleisches bewusster wäre, statt es als Industriepro­dukt zu erleben.

Nach Paul Hawken (2010), dem amerikanischen Ökologen, sind unsere Umwelt- und Wirtschaftsprobleme dadurch entstanden, dass Produkte nicht die realen Preise kosten, die ihre Herstellung tatsächlich verursacht. Ein wichtiger Schritt wäre dabei, diese realen Kosten zu ermitteln und tatsächlich beim Erwerb eines Produktes einzufordern. Reale Kosten ergäben sich aus dem Footprint eines Produktes, also aus den Kosten, die entstehen, wenn die Schäden, die es für die Welt und die Gesellschaft real in anderen Bereichen verursacht (z.B. wie hier genannt Gewässerverschmutzung, Wasserverbrauch, Energieverbrauch, Folge­schäden des Klimawandels und Maßnahmen zu deren Bekämpfung oder sogar Gesundheitsschäden) tatsächlich in seinem Einkaufspreis mit in Erscheinung treten würden. Damit hätte auch Fleisch einen Preis, der seinen übermäßigen Verzehr für die meisten Menschen unmöglich machen, bzw. ihn regulieren wür­de.

Der Chemiker und Umweltforscher Friedrich Schmidt-Bleek, Mitbegründer des Wuppertal Instituts meint, dass es unabdingbar ist, dass wir Ressourcen be­steuern, nicht die Verdienste, die Menschen durch ihre Arbeit erwerben. Wenn dem so wäre, würde der Ressourcenverbrauch in den Produktpreis eingehen und damit wäre der Preis ökologisch sinnvoll und würde die tatsächlichen Kos­ten für die Welt wiedergeben. Nur so, meint er, kämen wir aus dem Teufelskreis unserer Umweltzerstörung heraus (Schmidt-Bleek 2014).

Allerdings haben wir dann wieder einen neuen Aspekt, den der sozialen Unge­rechtigkeit, der auch in einem Artikel über die ALDIgründer in der ZEIT ange­sprochen wurde. Darin hieß es, dass sie Genuss und Luxus demokratisiert hätten, aber natürlich auch negative Folgen für Mensch und Umwelt verur­sachten, wie billige Massenproduktion, Massentierhaltung, Verödung städti­scher Zentren und die Entstehung der Gewerbegebiete und Supermärkte, Park­plätze auf der grünen Wiese, sowie gesundheitliche Schäden des Genusses.

Die soziale Ungerechtigkeit haben wir aber in unserem jetzigen System in ei­nem noch viel höheren Maße. Nur wird sie zum Großteil in andere Länder und Erdteile verlagert. Weshalb alle unsere Entscheidungen auch immer wieder auf ethische Fragen und Fragen der Menschenrechte hinauslaufen.

Denen müssen wir uns aber stellen und daran unsere Entscheidungen über „richtige Ernährung“ messen.

Quellennachweis:

Foer, J. S. (2010): Tiere essen

Foodwatch (2008): Klimaretter Bio?

Hawken, P. (2010): Ecology of Commerce, A Declaration of Sustainability, Revi­sed Edition

Heinrich Böll Stiftung, Bund für Umwelt- und Naturschutz & Le Monde diplomatique (2013): Fleischatlas

Heinrich Böll Stiftung, Bund für Umwelt- und Naturschutz & Le Monde diplomatique (2014): Fleischatlas

Liberti, S. (2012): Landraub

Rohwetter, M. (2014): Überfluss für alle, DIE ZEIT 31

Schmidt-Bleek, F. (2014): Grüne Lügen

Statistisches Bundesamt (2013): Flächenbelegung von Ernährungsgütern.

Ziegler, J. (2011): Wir lassen sie verhungern.

Zu diesem Thema siehe auch:
ZEIT online vom 13. August 2014: Fleischskandal – In Edekas Schweinefabrik.
3sat scobel – Dürfen wir Tiere töten?

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