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Was wir aus der Corona-Pandemie lernen können

von Petra Stechele und Stefan Simonis

Was in der Diskussion über unseren Umgang mit der Klimakrise in der Zeit vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie undenkbar sein sollte, plötzlich ist es möglich. Sogar mehr als das.

Es ging in der Diskussion um die Klimakrise unter anderem darum, Flugreisen zu reduzieren und stattdessen mehr Videokonferenzen abzuhalten, weniger Fleisch zu essen und generell weniger zu konsumieren. Niemand hatte je Ausgangsbeschränkungen, Versammlungsverbote, Einschränkung der Reisefreiheit oder ähnliches gefordert. Aber seit vier Wochen werden diese Maßnahmen akzeptiert, weil die Gefahr unmittelbar ist, für jeden einzelnen bedrohlich und somit allen die Notwendigkeit einleuchtet.

So wie es zurzeit aussieht, haben diese Maßnahmen auch den gewünschten Erfolg. Das bedeutet, wenn wir einer Gefahr gemeinsam entgegentreten, können wir sie meistern. Wie wäre es also, wenn wir aus dieser Erfahrung lernen und uns nun mit der gleichen Ernsthaftigkeit und dem gleichen Verständnis für die drohende Gefahr auch der Klimakrise zuwenden?

Die Klimakrise, wie übrigens auch die generelle Übernutzung unserer natürlichen Ressourcen, ist zwar durch Corona aus der Diskussion verschwunden, aber sie ist nach wie vor eine drohende Gefahr. Das sehen wir aktuell an der wiederholten Dürre in Deutschland, welche die heimische Nahrungsmittelproduktion gefährdet und für die Landwirte und die Wälder zunehmend zum Problem wird, mit gleichzeitigen Überschwemmungen und Erdrutschen in Nordspanien und Südfrankreich. Auch aktuell ist es in Deutschland wieder zu warm und zu trocken, sodass wieder mit Dürre zu rechnen ist1.

Durch unser Wirtschaftssystem und somit durch unseren Lebensstil wird übrigens nicht nur die Klimakrise verursacht, sondern es werden auch Pandemien, wie wir sie gerade erleben, begünstigt und immer wahrscheinlicher werden. Weil der Mensch durch seine Wirtschaftsweise die Lebensräume für Wildtiere immer weiter verkleinert, dringen Wildtieren vermehrt in Kulturräume ein2, 3.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass über 70% der Krankheiten, die von Tieren auf den Menschen übertragen werden, von Wildtieren stammen. Im Falle des Corona-Virus sind auf jeden Fall Schuppentiere und/oder Fledermäuse die Überträger gewesen, die auch auf chinesischen Märkten gehandelt werden und dort auf den Menschen überspringen können4. Aus unserer Intensivtierhaltung gelangen gelegentlich Hepatitis E (Schweine), Influenza-A-Virus H1N1 (Schweine/Geflügel), Influenza-A-Virus H5N1 (Geflügel), Influenza-A-Virus H7N9 (Geflügel) oder Noroviren (Rinder/Schweine) auf den Menschen5.

Unser weltumspannender Handel und unsere Reisefreude fördern die schnelle Ausbreitung dieser Krankheitserreger. Weiterhin vermuten Wissenschaftler, dass die Zahl der Infektionen mit der Klimakrise zunehmen wird, da hohe Temperaturen und Luftfeuchtigkeit optimale Bedingungen schaffen6. Bereits im Jahr 2018 hatte Lothar Wieler, der Präsident des Robert-Koch-Institutes, vor einer drohenden Pandemie gewarnt.7 Er war übrigens nicht der einzige Wissenschaftler, denn es geht schon länger diese Warnung in der Wissenschaft um8, die man genauso wenig wie die Warnung vor der Klimakrise beachtet hat. Denn sie ernst zu nehmen hätte bedeutet, dass man Konsequenzen hätte ziehen müssen, die Geld gekostet hätten, ohne sofortigen ersichtlichen Nutzen zu stiften, wie das mit der Gesundheitsvorsorge meist der Fall ist.

Da wir unsere Produktion aus Kostengründen ins Ausland verlegt haben, wurden nicht nur Teile für die heimische Industrieproduktion knapp, sondern auch Medikamente und Schutzmasken9. Die Globalisierung fordert ihre Opfer nicht nur am anderen Ende der Welt, sondern auch bei uns. Nun wird auch deutlich, dass wir auf diejenigen, die bei uns die Opfer der Kosteneffizienz waren, alle dringend angewiesen sind. Statt weiterhin das Gesundheitswesen knappzuhalten, sollten wir uns beispielsweise den „Luxus“ einer gut funktionierenden Krankenversorgung mit ausreichenden und fair bezahlten Pflegekräften leisten.

Die Ursachen der Klimakrise, der Zerstörung von Ökosystemen und der immer wieder auftretenden Pandemien sind bekannt. Sie liegen in der Übernutzung unseres Planeten durch unseren Lebensstil.

Warum also nehmen wir die aktuelle Pandemie nicht zum Anlass, unseren Lebensstil und unser Wirtschaftssystem endlich grundsätzlich zu überdenken? Statt zu versuchen, mit Konsumanreizen neues Wachstum zu erzwingen, könnten wir jetzt eine nachhaltige Wirtschaftsweise fördern. Erneu­erbare Energien ausbauen, weniger und eher lokale Produkte konsumieren, mehr reparieren, sich gegenseitig helfen und akzeptieren, dass es Vollbeschäftigung in einer reifen Volkswirtschaft nur dann geben kann, wenn alle weniger arbeiten. Für einige wird es vielleicht keine Arbeit mehr geben. Ein bedingungsloses Grundeinkommen kann dabei ein Teil der Lösung sein.10

Vor 50 Jahren hat die NASA aus einem Desaster einen Erfolg gemacht. Die Besatzung der Apollo 13 schwebte in Lebensgefahr, aber durch kluges und entschlossenes Handeln konnte sie gerettet werden. Heute ist die Besatzung des Raumschiffs Erde in Lebensgefahr. Handeln wir.

Anmerkung vom 2. Mai 2020: Siehe hierzu das Video Klartext Klima Folge 3.

Anmerkung vom 2. Juni 2020: Siehe hierzu das Video Droht uns ein Schocksommer?

1 https://www.dw.com/de/coronavirus-und-hitze-wie-wird-der-sommer-in-europa/a-53074424

2 https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/pandemien-und-ihre-ursachen-so-zuechtet-der-mensch-ungewollt-neue-seuchen-a-00000000-0002-0001-0000-000170323296

3 https://www.derstandard.de/story/2000116743480/wie-man-pandemien-in-zukunft-verhindern-kann

4 https://www.arte.tv/de/videos/096140-000-A/umweltzerstoerung-beeinflusst-epidemien/

5 https://www.deutschlandfunk.de/kampf-gegen-zoonosen-wenn-tiere-den-menschen-anstecken.724.de.html?dram:article_id=414993

6 https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/fataler-klimawandel-erderwaermung-bringt-neue-epidemien-a-201934.html

7 https://www.derstandard.de/story/2000084471524/durch-klimawandel-drohen-pandemien-warnen-experten

8 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2176051/

9 https://www.daserste.de/information/wirtschaft-boerse/plusminus/sendung/swr/corona-lieferketten-deglobalisierung-100.html

10 https://www.zeit.de/kultur/2020-04/neoliberalismus-krisen-kapitalismus-coronavirus-politik

Earth Overshoot Day 2016

Ab heute lebt die Menschheit auf Pump

Heute, am 8. August 2016, sind laut Global Footprint Network (GFN) bereits sämtliche Rohstoffe und Naturleistungen aufge­braucht, die von der Erde innerhalb eines Jahres bereitgestellt werden können. Den Rest des Jahres leben wir von der Sub­stanz, und somit auf Kosten zukünftiger Generationen. Das GFN berechnet für jedes Jahr den Tag neu, an dem der Ökologische Fußabdruck der Menschheit, also die Inanspruchnahme der Na­tur durch den Menschen, die Biokapazität der Erde übersteigt. Diesen Termin nennt man den “Welterschöpfungstag” oder “Earth Overshoot Day”, und er wird in jedem Jahr früher erreicht.

Jede unserer Handlungen kostet Naturkapital. Das ist unum­gänglich und an sich nichts Schlimmes. Doch mit unserem Le­bensstil verbrauchen wir in jedem Jahr mehr, als sich im gleichen Zeitraum regenerieren kann. Die Folge sind ausgelaugte Böden, überfischte Meere, Wüstenbildung und Artensterben. Auch der Klimawandel ist Folge der Übernutzung, denn durch die Verbren­nung fossiler Energieträger zum Stillen unseres Energiehungers, wird mehr Kohlenstoffdioxid in die Atmosphäre geblasen als von den Wäldern, Böden und Meeren gebunden werden kann. Damit machen wir viele Regionen dieser Erde bereits jetzt für Men­schen unbewohnbar und heizen Kriege um Ressourcen an.

Derzeit verbraucht die Menschheit die Naturleistungen von 1,6 Planeten mit der Qualität der Erde. Wollten alle Menschen der Welt so leben wie wir in Deutschland, bräuchten wir sogar 3,1 Er­den. Wenn wir die Erde als unseren Lebensraum erhalten und Fluchtursachen bekämpfen wollen, müssen wir unseren Natur­verbrauch einschränken.

Bereits mit kleinen Verhaltensänderungen kann viel erreicht wer­den.

Wer mit Bahn und Bus fährt, statt das Flugzeug zu nehmen, vermeidet CO2-Emissionen. Ebenso durch Carsharing und indem durch Fahrgemeinschaften die Autos effektiver genutzt werden. Noch besser ist es, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen oder mit dem Fahrrad zu fahren. Ebenso wie Energie sparen, mäßig heizen und den Wohnraum gut zu dämmen. Auch eine fleischar­me Ernährung aus biologischer Landwirtschaft verringert den CO2-Ausstoß und ist gesünder für Mensch und Umwelt. Wohl­überlegter und sparsamer Konsum spart Ressourcen und Geld.

Dass dies nichts mit Verzicht zu tun hat, zeigen bereits viele In­itiativen überall auf der Welt. Wir haben viele Möglichkeiten für einen zukunftsfähigen Lebensstil. Wir müssen sie nur nutzen.

Informationen und weiterführende Links dazu beispielsweise auf folgenden Internetseiten:

https://www.fussabdruck.de
https://www.footprintnetwork.org/de/index.php/GFN/
https://www.footprint.at
https://take5.plattform-footprint.de
https://www.transition-initiativen.de/
https://www.overshootday.org/