Verzicht

von Stefan Simonis

Was ist Verzicht?

Bei einem Treffen umweltbewegter Menschen in Freiburg ging es darum, wie jede bzw. je­der von uns den eigenen Ökologischen Fußabdruck verkleinert. Eine Teilnehmerin des Treffens sagte, dass sie in diesem Jahr auf Bahnreisen nach Paris und Berlin zu Freunden und Verwandten verzichte. Darauf antwortete ich ihr, dass ich der Meinung sei, sie müsse ja nicht auf alles „verzichten“, zumal Bahnreisen einen kleinen Footprint hätten. Denn das Leben solle ja nach wie vor Spaß machen. Außerdem gefiele mir der Ausdruck „Verzicht“ nicht, weil er negativ besetzt sei. Da schwingt für mich Entsagung, Enthaltsamkeit aber auch so etwas von „gnädigem Überlassen“ mit. Darauf entflammte eine rege Diskussion zum Thema „Verzicht“, die mit der Feststellung endete, dass es legitim sei, den Ausdruck „verzichten“ zu verwenden, wenn die Unterlassung einer Handlung als solches empfunden wird.

Das Ergebnis der Diskussion ließ mir auf dem Heimweg keine Ruhe. Zu Hause angelangt nahm ich ein Herkunftswörterbuch zur Hand, um für mich zu klären, was mit „verzichten“ eigentlich gemeint ist. Danach bedeutet das von „Verzicht“ abgeleitete Verb „einen An­spruch aufgeben“, wobei mit Anspruch „eine rechtliche Forderung“ gemeint ist. Also heißt „verzichten“, dass ich etwas nicht einfordere oder tue, auf das ich ein Recht besitze. Ich kann also auf meinen Lohn verzichten, denn ich habe einen Anspruch darauf, weil ich da­für gearbeitet habe. Ich kann auch auf mein Wahlrecht verzichten, weil mir das vom Ge­setz zugesichert ist. Oder ich kann darauf verzichten, einen Betriebsrat zu wählen, obwohl ich einer Firma mit mindestens fünf wahlberechtigten ständigen Arbeitnehmern angehöre. Aber ich kann nicht auf Flugreisen, Fleischkonsum oder ein neues Handy verzichten. Es gibt keinen rechtlichen Anspruch darauf, das Klima zu schädigen, Mensch und Umwelt zu vergiften, Tiere zu töten oder andere Menschen auszubeuten. Zumindest habe ich das noch nirgendwo gelesen. Selbst das „Dominum terrae“ des alten Testamentes „Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.“ kann so nicht verstanden werden. Hier geht es um Kultivierung und den ver­antwortungsvollen, fürsorglichen Umgang mit der Erde (https://de.wikipedia.org/wiki/Dominium_terrae).

Ich verzichte auf nichts!

Ich empfinde es nicht als „Verzicht“, nicht mit dem Flugzeug zu fliegen. Es gibt so viel in Europa zu erleben, dass ich kein Flugzeug brauche. Die schönsten Urlaube waren meine Fahrradtouren in Frankreich. Dabei habe ich Landschaften viel intensiver erlebt als das mit dem Auto möglich ist. Und ich habe dabei viele nette Menschen kennengelernt. Außerdem ist es billiger als die Reise mit dem Flugzeug, wodurch ich nicht so viel arbeiten muss.

Irgendwann wollte ich ausprobieren, ob eine vegane Ernährung etwas für mich wäre. An­fangs war ich skeptisch, weil ich dachte, die Vermeidung tierischer Produkte sei schwierig und sowieso haftete dem Veganismus für mich etwas krankhaftes an, denn Vitamin B12 kommt nur in tierischen Produkten vor und muss deshalb irgendwie anders zugeführt wer­den. Aber meine Bedenken haben sich schnell verflüchtigt. Meine Zahnpasta enthält Vit­amin B12 und ich bin nicht so streng mit mir. Wenn ich auf Reisen bin, ist mir eine vegane Ernährung zu umständlich. Dann gibt es eben vegetarisches Essen, das bekommt man fast überall. Und wenn ich irgendwo zu Gast bin, pule ich nicht die Speckwürfel aus dem Essen. Solange ich nicht ständig tierische Produkte essen muss. Zu Hause probiere ich aus, was es an Möglichkeiten der veganen Ernährung gibt. Und es gibt viele leckere Mög­lichkeiten. Sie haben ihre eigene Qualität und Geschmack, den ich nicht mit tierhaltigem Essen vergleiche. Aber ich habe auch Rezepte für Gerichte gefunden, die im Geschmack kaum von nicht-veganem Essen zu unterscheiden sind.

Dass man Ängste hat, seine Gewohnheiten zu ändern, kann ich gut verstehen. Ich hatte selbst ein Auto, das ich jedoch recht selten nutzte. Als wieder einmal der TÜV-Termin an­stand, fuhr ich mit dem Auto in der Werkstatt, um – wie ich dachte – kleine Mängel behe­ben zu lassen. Das Auto für den TÜV fit zu machen, sollte jedoch mindestens 2.000 € kos­ten, obwohl ich in den zwei Jahren seit dem letzten TÜV-Termin nur 5.000 km gefahren war. Das war mir entschieden zu teuer und ich beschloss, mein dreizehn Jahre altes Auto abzuschaffen. Als ich das Auto auf dem Schrottplatz abgegeben hatte, überkam mich Pa­nik. Wie sollte ich jetzt meine Einkäufe machen? Wie sollte ich in die nächste Stadt kom­men? Konnte ich noch abends zu Veranstaltungen gehen? Mit der Zeit lösten sich diese Ängste auf. Ich kaufte mir einen Fahrradanhänger, mache aus jedem Stadtbesuch eine gemütliche Fahrradtour und übernachte nach Abendveranstaltungen bei Freunden. Ich fühle mich heute ohne Auto freier, weil viel Ballast weggefallen ist. Ich spare mir die Kos­ten für Autoreparatur, neue Autoreifen, Steuern, Versicherung, Tanken und Parkhaus. Jetzt muss ich nicht mehr das Geld verdienen, um mir das Auto leisten zu können. Größere Strecken fahre ich mit der Bahn und genieße es, selbst wenn die Bahn manchmal Verspä­tung hat. Auch mit dem Auto bin ich oft zu spät zu einem Termin gekommen, weil ich im Stau gestanden habe. Nur konnte ich im Auto nicht lesen oder mal ein Nickerchen machen. Und sollte ich wirklich ein Auto brauchen, dann leihe ich mir eins oder fahre mit dem Taxi. Mit dem Geld, dass ich durch die Abschaffung meines Autos gespart habe, kann ich mir das hin und wieder leisten.

Ich bin doch nicht blöd.

Was viele Menschen als Verzicht bezeichnen, nenne ich Befreiung von Zwängen und Bal­last. Warum soll ich Dinge konsumieren, die ich nicht brauche? Dafür müsste ich doch wie­der mehr arbeiten. Warum soll ich mir mit Geld, das ich nicht habe, Dinge kaufen, die ich nicht brauche, um Menschen zu beeindrucken, die ich nicht leiden kann? Ich fühle mich wohler, wenn ich nicht auf Kosten der Umwelt und anderer Menschen lebe. Ich versuche so zu leben, dass ich die Natur und die Menschen möglichst wenige schädige. Das hat nichts mit „Gutmenschentum“ zu tun und ist erst recht keine besondere Leistung. Es klappt vielleicht nicht immer, aber es macht mir Spaß, herauszufinden, welche Möglichkeiten ich habe und sie umzusetzen. Das nicht zu tun, wäre für mich Verzicht.

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