Bemerkungen zum Earth Overshoot Day

von Stefan Simonis

Wieder ist der Earth Overshoot Day ein paar Tage früher. Es ist gut, dass dieses Datum mittlerweile auch in den Medien ein wichtiges Thema ist. Dabei wird auf die tragische Übernutzung unseres Planeten hingewiesen. Darüber hinaus ist es aber wichtig, die wahren Ursachen und ihre Folgen zu benennen. Daher ein paar sehr persönliche Bemerkungen dazu.

Overshoot ist schon jetzt ein Problem.

Es geht nicht alleine darum, dass wir die Erde für zukünftige Generationen unbewohnbar machen, sondern dass wir bereits jetzt mit unserem ausufernden Lebensstil auf Kosten der Menschen in anderen Regionen leben. Die über 65 Millionen Flüchtlinge auf dieser Welt sind ja nicht unterwegs, weil es ihnen Spaß macht. Sie fliehen vor Hunger und Krieg. Beispielsweise hat der Bürgerkrieg in Syrien vordergründig nichts mit der Übernutzung des Planeten zu tun, denn nennenswerte Bodenschätze gibt es dort nicht. Doch die Ursache für den Bürgerkrieg waren Dürren1, Wasserknappheit und daraus resultierend Hunger, auf die die syrische Regierung nicht angemessen reagiert hat. Dass dies Folgen des Klimawandels sind, in dem wir uns befinden und den wir nun auch in Europa zu spüren bekommen, dürfte unbestritten sein. Aber für diesen Klimawandel sind vor allem wir reichen Länder verantwortlich. Aus dem Aufstand gegen eine ignorante Regierung ist ein Krieg der Stämme und Glaubensrichtungen geworden. Russland beteiligt sich auf der Seite der syrischen Regierung am Bürgerkrieg, nicht um gegen Islamisten zu kämpfen, sondern um sich den Zugang zum Mittelmeer und damit zu Ressourcen zu erhalten. In Tunesien, von wo der Arabische Frühling seinen Ausgang nahm, waren Auslöser u. a. die stark gestiegenen Energie- und Lebensmittelpreise2. Beides Folge unseres Ressourcenverbrauchs und der Spekulation mit Nahrungsmitteln3. Die Kriege im Kongo, Afghanistan und Irak waren ursprünglich Kriege um Ressourcen bzw. den Zugang zu Ressourcen, die wir meinen zu benötigen. Die reichen Länder haben mit der Intervention in diesen Ländern die Systeme destabilisiert und sind somit auch für die nun religiös verbrämten Kriege verantwortlich. Der Terror kommt nicht ohne Grund zu uns. Hier wird, wie es auch von unseren Regierenden gesehen wird, unser Lebensstil bekämpft. Aber es geht im Kern nicht um religiöse Fragen, sondern darum, sich gegen die andauernde Ausbeutung zu wehren. Zumindest spielt unsere Verschwendungssucht auf Kosten der Ärmsten den Extremisten in die Hände.

Gute Vorsätze reichen nicht aus.

Was sind aber unsere Antworten? Wir versuchen uns die Flüchtenden mit Zäunen und fragwürdigen Deals vom Hals zu halten. Dabei wäre die einzig richtige Antwort, die Lebensmöglichkeiten der Menschen zu verbessern, indem wir wirklich das Fortschreiten des Klimawandels verhindern und für eine gerechte Verteilung der Schätze dieser Welt sorgen. Wir dürfen nicht weiter Geschäfte mit Despoten machen, nur um billig an Rohstoffe zu kommen. Waffenexporte mögen lukrativ sein und garantieren uns vielleicht eine Weile lang die Versorgung mit Rohstoffen. Aber mittel- und langfristig verschärfen sie die Situation auch für uns, weil ihr Einsatz nur noch mehr Menschen zur Flucht zwingt. Wir müssen die Verbrennung fossiler Energieträger sofort stoppen und den Menschen in den Regionen, die bereits jetzt unter dem Klimawandel leiden, helfen. Die Hilfe kann aber nicht bedeuten, dass wir Nahrungsmittel dorthin schicken und damit die möglicherweise noch einigermaßen funktionierende Wirtschaft ruinieren. Hilfslieferungen können nur Krücken sein, bis der „Patient“ wieder selbst laufen kann. Das heißt, wir müssen die Menschen vor Ort unterstützen, lokal angepasste Lösungen zu finden. Dazu gehört auch, dass wir aufhören, die fruchtbarsten Böden für unsere eigene Nahrungsmittelproduktion zu nutzen. Wir müssen das Land wieder den Menschen zurückgeben, die dort schon immer gelebt haben. Das bedeutet aber auch, dass wir auf billige Importprodukte verzichten müssen.

Es ist wichtig, wenn in der Berichterstattung zum Earth Overshoot Day darauf hingewiesen wird, weniger zu fliegen, weniger Fleisch zu essen oder mehr Fahrrad zu fahren. Aber das reicht nicht. Wir müssen unseren Lebensstil verändern und wir müssen dieses Wirtschaftssystem verändern. Es muss gerechter und solidarischer werden. Wie der frühere Bundespräsident Dr. Horst Köhler in einem Interview in der ZEIT vom 24. September 20154 mit Bezug auf die Flüchtenden sagte: “Wenn wir erreichen wollen, dass mehr von ihnen zu Hause Perspektiven finden, dann müssen wir endlich das globale Handelssystem fairer machen, die internationale Steuerpolitik gerechter machen und mehr dazu beitragen, dass Arbeitsplätze und Wertschöpfung in Afrika entstehen. Dazu gehört, den illegalen Kapitalabfluss aus diesen Ländern auch bei uns zu bekämpfen.

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1 https://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%BCrren_in_Syrien_im_20._und_21._Jahrhundert
2 https://de.wikipedia.org/wiki/Revolution_in_Tunesien_2010/2011
3 https://www.welthungerhilfe.de/schwankungen-bei-nahrungsmittelpreisen.html
4 https://www.zeit.de/2015/39/horst-koehler-fluechtlinge-interview

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