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Angst

von Petra Stechele

Auf Angst vor einer komplexen Wirklichkeit gibt es verschiedene Reaktionen. Eine besteht darin, sie zu verdrängen und weiter so zu tun, als wäre alles in Ordnung, meist gepaart mit der Flucht in eine fiktive Scheinrealität. Das ist es, was uns auch gerade in Form des sich verbreitenden Populismus begegnet, der sich in eine vermeintliche Rückkehr in die Nationalstaatlichkeit flüchtet und meint, damit wären schon alle Probleme der Zukunft gelöst und unser Wohlstand für immer gesichert. Die andere besteht in einem beherzten Blick auf die Welt, um sich ihr zu stellen, die eigenen Trägheit zu überwinden und zu handeln.

Trägheit verträgt sich nicht mit dem Schutz unserer Lebenswelt – nein, überhaupt nicht mit dem Leben. Wir überwinden sie aber nur, wenn die Angst so groß wird, dass sie uns dazu treibt.

Der Philosoph Wilhelm Schmid sagte in einem Artikel über German Angst, dass Angst auch ihre positiven Seiten habe, weil wir sonst nicht handeln würden, nichts uns zur Überwindung von Trägheit ansporne. Dabei erwähnte er, dass ihm die Angst vor der ökologischen Katastrophe noch zu gering sei. Denn die sei seiner Ansicht nach ein wirklich reales Gefahrenpotential, das Handlung erfordern würde und genau hier würde sie in fataler Weise unterbleiben.

Statt des sehr realen Abenteuers, der Gestaltung unserer Zukunft und Abwehr der Gefahren für die Umwelt, flüchten wir uns in für uns gefahrlose virtuelle Spiele und Scheinwelten, die uns selbst nur sehr bedingt fordern und fördern. Und womöglich übersehen wir darin die Gefahren, die uns wirklich drohen. „Brot und Spiele“, das war schon im historischen Rom ein beliebtes Mittel, das Volk abzulenken und zufrieden zu halten. Auch heute haben unsere Regierungen nichts dagegen, wenn wir uns mit Vergnügungen zudröhnen, die uns nicht voranbringen. Nicht ohne Grund wurde im Jahr 1984 unter Bundeskanzler Helmut Kohl, dem Verfechter der „geistig-moralischen Wende“, der Rundfunk privatisiert.

Leider ist Trägheit ein Hauptfaktor kultureller Dekadenz. Ein Faktor, der eines Tages unseren Untergang besiegeln könnte.

Warum?

Wir vermeiden aktives körperliches Tun. Alle Arbeiten, die anstrengen, lassen wir von Maschinen erledigen. Manchmal ist das verständlich, denn viele Arbeiten sind ja auch auf Dauer gesundheitsschädlich. Aber dass wir am Ende immer bequemer werden und NICHTS mehr selbst tun wollen, führt zu körperlichen Schäden und Herz-Kreislauferkrankungen. Wir sitzen zu viel. Das müssen wir wiederum durch Sport ausgleichen. Weil das vielfach sehr unbequem ist, brauchen wir auch dazu wieder Maschinen. Die finden wir im Fitnesscenter. Sie ersetzen uns die Bewegung in Welt und Natur. – Ja, wir werden dadurch ein wenig unabhängiger von unserem beschädigten Klima. Was stört uns heiß oder kalt, nass oder trocken?

Wir merken dabei nicht einmal mehr, dass wir zunehmend unser Leben auf diese Weise ersetzen.

Wodurch?

Man könnte sich beinahe fragen, ob wir nicht sogar mit dem Fernseher so etwas wie einen Lebensautomaten erfunden haben. In vielfacher Hinsicht ersetzt er uns ein eigenes Leben. Findet es nicht statt, schauen wir eben fremdem Leben zu. Und je virtueller unsere Möglichkeiten der Freizeitgestaltung werden, umso weniger sind wir noch wirklich an unserem Leben beteiligt, noch wirklich aktiv darin. Eine Bekannte erzählte mir kürzlich von einem virtuellen Erlebnis mit neuen Medien, einer Brille, die eine andere Realität vorspiegelt und wie beeindruckend real und zugleich verwirrend das war. Sie konnte durch eine völlig andere Wirklichkeit gehen, hatte aber brutale Kopfschmerzen danach.

Ja, so können wir auch Abenteuerautomaten erfinden und darin Dinge erleben, die wir gar nicht mehr wirklich erleben. Wir ersetzen alles, sogar die Welt durch Automaten.

Aber was ist die Folge? Was tun wir dann eigentlich noch selbst? Wer sind wir dann noch? Wer können wir noch sein? Wie können wir uns entwickeln?

Wir verlernen Fähigkeiten, die wir einmal real beherrschten. Unser Leben wird reduziert auf Künstliches, Nicht-Reales. Schon im Fitnesscenter laufen wir, aber nicht mehr über Boden, sondern ebenen Gummi. Wie viele Fähigkeiten der Balance, des Ausgleichs von Bodenunebenheiten, wie viele Tempokorrekturen, wie viele unterschiedliche sinnliche und Muskelaktivitäten werden dabei nicht mehr gebraucht? Stattdessen arbeiten wir daran, dass Roboter lernen Bälle zu fangen. Unseren eigenen Kindern bringen wir es nicht mehr bei.

Wir können nichts mehr mit unseren Händen herstellen und es gibt auch kaum noch jemand, der es könnte. Wir kaufen ein neues Teil, das von einem Automaten gemacht wurde, das billig ist, nichts wert, oft nicht einmal schön und schnell wieder weggeworfen wird, weil es nicht zu reparieren ist.

Wir kochen nicht mehr selbst. Wir wissen oft gar nicht mehr, wie das Rohprodukt aussah, das wir essen, wie es riecht, schmeckt aussieht, wie es sich entwickelt und verändert, wenn es wächst, reift, wenn es bearbeitet wird, welche Vielfalt dabei möglich ist, welcher Reichtum der Variationen an Aussehen, Duft und Geschmack. Wie viele Arten verschwinden, weil wir uns nicht für sie interessieren und wie sehr verarmt dabei unsere Welt, wie sehr unsere Fähigkeiten und sinnlichen Erfahrungen. Tierarten, die wir nicht mehr kennen oder nie kannten, Pflanzen und Früchte, deren Farben und Formen wir nicht mehr wahrnehmen.

Ich habe Kinder erlebt, die Angst hatten, eine Wiese zu betreten, weil es darin Insekten gibt. Natürlich ist das Leben ein Risiko, ist es immer gewesen. Aber es verschiebt sich die realistische Einschätzung der Gefahren.

Was ist der Ersatz dafür? Das Scheppern in einem Kopfhörer, das Flackern in einer Computerbrille? Isolierte Wahrnehmungen mit dem Gestank nach angeschmortem Kabel, Kunststoff und Metall, bestenfalls noch irgendwo ein bisschen angekokelt oder fettgeschmiert.

Unsere Regierung schlug vor, dass wir doch ständig Katastrophenvorräte für zehn Tage vorhalten sollen und natürlich immer wieder erneuern und die alten entsorgen. Ein gutes Wachstumsmodell, wie der Rauchmelder, der ständig neue Batterien braucht, damit er einen in Ruhe schlafen lässt. Wie viele Hunderttausende von Leben wird er schon gerettet haben, seit er eingeführt wurde? Ein bisschen Gespür für Realität, ein bisschen Verstand, das scheint uns langsam verloren zu gehen.

Giovanni di Lorenzo schreibt in der ZEIT: „Populismus ist vor allem ein Derivat der Angst, die eine ständige Begleiterin großer gesellschaftlicher und politischer Umbrüche ist. Heute hat sie ihren Ursprung vor allem in einer Globalisierung, die weit mehr ist als der freie Austausch von Waren. […] Die Globalisierung hat die soziale Lage in der Welt verbessert, sie hat Länder zusammenrücken und ein Gefühl der Gesamtverantwortung für Leid und Unrecht auf allen Kontinenten entstehen lassen.

Jetzt kommt es darauf an, ob die Politik Pläne hat, wie mit den erheblichen Kollateralschäden zu verfahren ist. Denn das Gefälle zwischen Arm und Reich innerhalb der einzelnen Gesellschaften hat zugenommen, Einwanderung und Flüchtlingswellen haben das soziale und kulturelle Gefüge vieler Länder verändert. [Anm. d. Verf.: Ich würde Flüchtlingswellen durch Flucht ersetzen, weil mit Ausdrücken wie Flüchtlingswelle oder Flüchtlingsströme der Eindruck entsteht, wir würden von den Flüchtenden überrollt, was ja schon rein zahlenmäßig ein unrealistisches Bild ist.] Die digitale Revolution bedroht Millionen Arbeitsplätze (bevor sie vielleicht neue schafft). Darauf reagieren Populisten mit dem Heilsversprechen neuer nationaler Grenzen […] Wer dagegen erfolgreich angehen möchte, muss beweisen, dass Regierungen auch in der Diversität Ordnung schaffen können und sehr wohl noch in der Lage sind, Macht auszuüben, zum Beispiel gegenüber Banken und entfesselten Großkonzernen – insbesondere den digitalen.“

Hier trifft er das Problem sehr genau und zitiert abschließend Winfried Kretschmann:“ Anstatt Vorgaben für das gute Leben und die individuelle Lebensgestaltung zu machen, sollten wir uns auf den Kampf für eine gute Ordnung der Dinge konzentrieren.“

Das Leben lebt von der Vielfalt. Auch von der Vielfalt im Miteinanderleben unterschiedlicher Menschen. Denn der Kampf um die Lebensgrundlagen auf dieser Welt vereint uns letztlich alle und nur so können wir auch die Fluchtursachen zu verhindern helfen. Denn wir müssen erkennen, wie sehr das eine mit dem anderen zusammenhängt. Leider geschieht das bisher nicht, ganz im Gegenteil, der Schutz der Lebensgrundlagen unserer Umwelt wird seit der Flüchtlingskrise eher verdrängt und weniger ernst genommen.

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Brief an die Kanzlerin

Dipl.-Biol. Stefan Simonis
27, rue du Rhin
F-67860 Rhinau
Tel.: 0(033) 3 88 58 10 36

An
Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel
Willy-Brandt-Straße 1
10557 Berlin

Rhinau, den 21. November 2015

Sehr geehrte Frau Dr. Merkel,

wohl wissend, dass Sie sehr beschäftigt sind, bitte ich Sie, sich die Zeit für diesen Brief zu nehmen. Zunächst möchte ich mich bei Ihnen für Ihre bisherige Haltung in der Frage der Aufnahme neuer Flüchtlinge bedanken. Auch ich bin ein „besorgter Bürger“, der sich fragt, wie wir alle diese Men­schen aufnehmen und versorgen können. Aber selbst wenn die Unterbringungsmöglichkeiten knap­per werden, bin auch ich der Meinung, dass wir Menschen, die vor Krieg, Verfolgung und vor dem Tod durch Verhungern fliehen, zunächst einmal aufnehmen müssen. Sie Ihrem Schicksal zu überlas­sen, wäre unmenschlich.

Ich bitte Sie daher, weiterhin dafür zu sorgen, dass Menschen in Not bei uns Aufnahme finden. Da­bei sollte die Unterbringung in großen Lagern und Ghettobildung unbedingt verhindert werden, da sie zwangsläufig Aggressionen, Gewalt und Angst nach sich ziehen. Notwendig ist eine schnelle In­tegration in Gesellschaft und Arbeitsmarkt. Aber ich bitte Sie auch, gleichzeitig für die Beseitigung der Fluchtursachen zu sorgen. Auf die Notwendigkeit hat u. a. Herr Dr. Köhler in einem Interview in der ZEIT vom 24. September 2015 (https://www.zeit.de/2015/39/horst-koehler-fluechtlinge-interview) hingewiesen.

Unser Lebensstil stürzt bereits jetzt Menschen in Not, weil beispielsweise die Stromerzeugung mit­tels Kohle, der Individualverkehr und der Flugverkehr sowie unsere Landwirtschaft Unmengen an Kohlenstoffdioxid ausstoßen und damit den Klimawandel antreiben. Unter den Folgen leidet beson­ders die Landwirtschaft in ärmeren Regionen, sodass dort Menschen ihrer Lebensgrundlage beraubt werden und ihre Heimat verlassen müssen. Bitte setzen Sie sich daher in Paris für wirkungsvolle und verbindliche Maßnahmen zur Einhaltung des Zwei-Grad-Zieles ein.

Unser Wirtschaftsmodell ist menschenverachtend, weil wir durch den Zwang zu ständigem Wachs­tum auf einen steten Ressourcenzustrom angewiesen sind und enorme Energiemengen benötigen. Dies führt dazu, dass in den Ländern, aus denen wir unsere billigen Rohstoffe und Waren holen, in­folge von Verteilungskriegen und Umweltzerstörung Not herrscht und radikale Kräfte leichtes Spiel haben. Längst werden Kriege um Ressourcen nicht mehr nur in entlegenen Ländern geführt. Wie wir am 13. November wieder feststellen mussten, haben wir uns die Konflikte ins eigene Land ge­holt. Ich finde, das beste Mittel gegen diese Feinde ist nicht, Truppen zu entsenden, sondern ihnen die Grundlage für ihren Hass zu entziehen. Die bisherigen Versuche, Stärke zu zeigen, haben stets den Menschenfeinden im In- und Ausland genutzt. Rechte Scharfmacher, die am liebsten alle Flüchtlinge zurückschicken würden, sehen sich in ihrer Haltung bestätigt und die Extremisten in den Herkunftsländern werden dadurch noch mehr zusammengeschweißt. Nehmen Sie diesen Kräf­ten den Wind aus den Segeln und setzen Sie sich bitte für ein faires Handelssystem ein, das es den Menschen erlaubt, menschenwürdig zu leben. Unser bisheriges Wirtschaftssystem trägt nicht zur Lösung der Probleme bei, die es selbst verursacht hat. Es verschärft die Probleme nur weiter. Wenn wir dagegen den Zwang zu ständigem Wirtschaftswachstum – das schon logisch nicht möglich ist – aufgeben, haben wir auch die Chance, von Importen unabhängiger zu werden.

Ich bin mir bewusst, dass es nicht reicht, Bitten und Forderungen an die Politik zu stellen. Auch ich will meinen Beitrag leisten. Ich bemühe mich, ressourcenschonend zu leben. Daher vermeide ich so weit wie möglich Fahrten mit dem Auto, fahre mit Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich er­nähre mich fast ausschließlich von biologisch erzeugten Lebensmitteln, kaufe fair gehandelte Pro­dukte und konsumiere maßvoll. Ich möchte, dass auch unsere Kinder noch ein menschenwürdiges Leben führen können. Das geht aber meiner Überzeugung nach nur, wenn wir alle weniger konsu­mieren, Umwelt und Ressourcen schonen und fair miteinander umgehen. In einem Wirtschaftssys­tem, das auf ständigem Wachstum basiert, wird das nicht möglich sein.

Ich bitte Sie daher: Werden Sie Ihrem eigenen Anspruch als „Klimakanzlerin“ gerecht und sorgen Sie für verbindliche und wirkungsvolle Abkommen zum Klimaschutz. Setzen Sie sich für ein faires Handelssystem ein, das nicht den Großkonzernen, sondern den Menschen in den armen Ländern Entwicklungschancen bietet. Machen Sie sich für eine Postwachstumsgesellschaft stark. Sie wird kommen, ob wir es wollen oder nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Stefan Simonis

UnterstützerInnen:

Alina Kalk, Gengenbach
Jacintha Kellner, Günzburg
Marcus Kiesel, Wuppertal
Mathias Krohn, Axstedt
Johannes Küstner, Berlin
Ursula Mazouz, Merzhausen
Ute Michallik-Herbein, Augsburg
Diane Rauscher, Giebelstadt

Brigitte Rauscher, Giebelstadt
Hans Rochau, Augsburg
Steffen Schürkens, Freiburg
Petra Stechele, Augsburg
Prof. Dr.-Ing.Walter Stechele, Augsburg
Lutz Weseloh, Bremerhaven
Björn Wiele, Hamburg

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Teilzeithelden

von Petra Stechele

Ich bin für die Umwelt nur als Teilzeitheldin unterwegs.

Ich habe Tage, da bin ich schwach, träge, da bin ich müde, da kränkle ich, da bin ich nicht willens, mich zu allem Ärger mit der Welt auch noch mit dem Umweltschutz herumzuplagen. Tage, an denen will ich mich nicht mit dem Fahrrad abmühen, weil mir der Sturm zu heftig ist und ich einen Schnupfen oder Kopfweh habe. Tage, an denen das Fahrradfahren keine Freude macht.
Ich besitze ein Auto und dann nehme ich es, weil es mir das Leben erleichtert, weil es meine Befindlichkeit verbessert, meine Verletzungen kuriert, weil ich es vollladen kann, mit allem, was ich brauche. Dann versuche ich, möglichst mit einer Runde alles zu erledigen, damit ich nicht fünfmal herumkurven muss.

Es gibt Momente, da will ich mal anders aussehen und habe ein tolles Kleidungsstück entdeckt, das nicht in das Umweltkonzept passt, aber eben toll ist zum Ausgehen. Es steht mir super! Dann nehme ich es – und freue mich, wenn andere feststellen, dass ich darin gut aussehe. Wenn sie mir Blicke schenken, die ich anders nicht bekomme.

Es gibt Momente, da möchte ich etwas essen, das nicht die ökologischen Kriterien erfüllt, weil ich eingeladen bin, weil es für mich der Inbegriff der Freude ist, Teil eines Festes, eine Belohnung für etwas, Teil der Geselligkeit mit anderen. Dann denke ich nicht darüber nach, vermiese niemand den Abend, dann esse oder trinke ich es.

Ich finde, dass es niemandem zusteht, mich dafür zu verurteilen. Denn niemand ist perfekt. Wir können den Umweltschutz nicht mit dem Fanatismus der Religionen betreiben, nicht indem die einen Gruppen die anderen abkanzeln, die etwas ein wenig anders sehen oder lösen wollen. Wir müssten uns zusammenschließen, statt uns im Besserwissen zu überbieten.

Im Detail können wir oft gar nicht sagen, welches Produkt wirklich umweltfreundlich ist. Im Detail ist das oft viel zu aufwändig. Im Detail sind wir damit überfordert. Wir haben bisher oft nur grobe Leitlinien und Empfehlungen, an die wir uns halten können, so oft es uns gelingt.
Aber ich kann auch nicht die Ausrede gelten lassen, ich schaffe es eh nicht, dann bemühe ich mich auch gar nicht, da unser Lebensstil die Welt ruiniert.

Ich kenne viele, die verzagt aufgeben, immer müde und immer schwach sind, die frustriert sind und denken: das hat doch alles keinen Sinn, das nützt doch nichts, das ist doch jetzt alles gar nicht wichtig, wo wir doch viel gefährlicheren Dingen ausgesetzt sind, als dem Klimawandel, wo uns doch der Terror droht. Denen möchte ich gerne antworten. Schaut doch genau hin! Seht ihr denn nicht die Zusammenhänge!?

Unser Lebensstil ist zu Recht in Kritik geraten ist, wird zu Recht von anderen angegriffen. Und „angegriffen“ hat in diesen Tagen eine traurige Doppelbedeutung erlangt. Denn wir machen uns mit unserem Lebensstil auch abhängig von anderen, wir verlieren unsere Freiheit und Selbstbestimmung, weil wir uns ihnen ausliefern, allein durch unseren immensen Energiebedarf.

Wenn wir uns die Mühe machen, genau hinzusehen, dann erkennen wir, dass unser Lebensstil den Terror finanziert. Das Geld mit dem wir unser Öl bezahlen, wird von den Saudis dazu verwendet – das ist kein Geheimnis – den Terror zu finanzieren. Die Medien haben davon berichtet.

Wenn wir uns die Mühe machen, genau hinzusehen, dann sehen wir Reiche, die immer reicher werden und Arme, die chancenlos bleiben. Gerade die Länder Afrikas und des Nahen Ostens wurden von uns Anfang des vorigen Jahrhunderts dazu ausersehen, uns als Rohstoffquellen und Kolonien zu dienen. Das hat unser Verhältnis zu ihnen geprägt. Wir haben ihre Kultur nie wirklich verstanden. Wir haben in unserem Eingreifen in diesen Ländern versagt, weil wir ihnen unsere Werte aufgezwungen haben, nicht zuletzt wegen unserer eigenen Interessen. Peter Scholl-Latour nennt dies den „Fluch der bösen Tat“. Er hat schon vor langer Zeit vor einer Entwicklung wie dieser gewarnt.

Wenn wir uns die Mühe machen, genau hinzusehen, dann sehen wir, dass die jungen Mitläufer des Terrors ja aus unserem Europa kommen, junge Leute, die offenbar durch die Maschen der Gesellschaft gefallen sind, die keine Perspektiven für ihr Leben sehen und in ihrer Selbsttötung ein erstaunliches einmaliges Sinnerlebnis sehen. Vielleicht auch die Erlösung aus einer unhaltbaren Leere, einer für sie unerträglichen Situation.

Es ist überhaupt ein Phänomen im Umweltschutz, dass fast alles, was wir wissen, schon seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt ist und vorhergesagt wurde. Doch wir haben es bisher meisterlich ignoriert. Vermeintliche Lösungen wie die Atomkraft haben sich als Irrwege erwiesen. Da bleibt mir nur der Versuch, meine Bedürfnisse zurückzunehmen, bis wirkliche Lösungen gefunden sind.

Wenn ich unsere Freiheit und unsere Werte erhalten will, dann muss ich mit meinem Lebensstil dafür sorgen, dass wir sie nicht verlieren. Zumindest immer wieder kann ich versuchen, meine Abhängigkeiten aufzubrechen und meine Freiheit erhalten, über mein Tun verantwortungsvoll zu entscheiden.

Drum bin ich für die Umwelt immerhin als Teilzeitheldin unterwegs.

Literatur:
Abdalrachman Munif, Salzstädte.
Peter Scholl-Latour, Der Fluch der bösen Tat.
Jenny Erpenbeck, Gehen, ging, gegangen.

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Bildung für nachhaltige Entwicklung

Nachhaltigkeit gilt seit einiger Zeit als übergeordnete Leitperspektive für alle Schulen in Baden-Württemberg. In Freiburg haben sich viele Aktionsgruppen und NGOs als Pioniere des Wandels bereits in Theorie und Praxis wichtiges Detailwissen zu diesem Thema erarbeitet. Eine Begegnung zwischen diesen „Keimzellen der Demokratie“ und ReferendarInnen bzw. LehrerInnen verspricht daher eine Win-Win-Situation zu werden, wenn außerschulisch erarbeitetes Wissen durch Vermittlung der LehrerIn in den Unterricht eingebaut wird. Kinder und Jugendliche lernen früh, mitgestaltend sich an gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen.

Durch die Mitarbeit des Staatlichen Lehrerseminars bei der Veranstalterin, der AG Bildung im Wandel, werden an dieser Konferenz über 200 LehramtsanwärterInnen teilnehmen.

Am Vormittag werden von Vertretern der Stadt Freiburg und des Ministeriums, der Pädagogischen Hochschule und des Lehrerseminars die Wichtigkeit konkretisiert und Möglichkeiten zur Umsetzbarkeit aufgezeigt. Ein Lehramtsanwärter wird eine Kooperation von Schulalltag mit einem Weltladen an einem gelungenen Beispiel verdeutlichen.

Nach der Mittagspause, in der die Mensa für alle geöffnet ist, sind ab 14 Uhr alle bürgerschaftlich engagierten Gruppen eingeladen, ihre Aktivitäten in einem Workshop oder einer Kurz-Demo vorzustellen. Die Organisatoren von BIW wünschen sich viele Begegnungen, gegenseitige Anregungen und methodisch-didaktischen Austausch zwischen einzelnen Referendaren und nachhaltigkeitsorientierten Gruppen. Mit einer zusammenfassenden Übersicht ab 16.30 endet der Tag um 17.00 Uhr.

Termin:
Freitag, 25. September 2015 – 9:00 bis 17:00
Ort:
Universität Freiburg, KG I, HS 1010
Veranstalter:
Freiburg im Wandel/ AG Bildung im Wandel

Einfach.Jetzt.Machen!

Wie wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen.

Rob Hopkineinfach jetzt machen s
oekom Verlag 2014
München. 189 Seiten.

Wir befinden uns im Jahre 2014 n. Chr. Der ganze Erdball steht Peak Oil und dem Klimawandel ohnmächtig gegenüber. Der ganze Erdball? Nein! Mehr als 1000 engagierte Kommunen und Initiativen haben begonnen, vor Ort Widerstand zu leisten. Die Bewegung, die sie eint, heißt Transition, ihre Ziele: Krisenfestigkeit und der Übergang in eine postfossile, relokalisierte Wirtschaft. Ob es nun darum geht, Solaranlagen zu errichten, gemeinsam zu gärtnern oder sich bei der Erstellung einer Homepage zu unterstützen, ob in Seattle eine »Tool Library« ins Leben gerufen wird oder eine »Pflückoasen« im hessischen Witzenhausen – überall auf der Welt werden Menschen aktiv und nehmen ihre Zukunft wieder selbst in die Hand. Anhand zahlreicher Beispiele des Gelingens schildert das Buch, wie man Probleme vor Ort identifiziert, Lösungen entwickelt und Mitmenschen mobilisiert, frei nach dem Motto: »Mit lokalem Tun die Welt verändern.«

„Die meisten Beispiele in Rob Hopkins Buch stammen aus Großbritannien. Einige internationale Initiativen sowie ein Exkurs in den deutschsprachigen Raum runden die Vielfalt der Aktivitäten ab. Ergänzt wird das Buch durch eine Art Serviceteil, in dem interessierte Nachahmer Kontaktadressen und Vernetzungsmöglichkeiten finden. Der Titel des Buches „Einfach. Jetzt. Machen! Wie wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen können“ ist Programm und macht tatsächlich Lust darauf, selbst aktiv zu werden. Denjenigen, die mit dem Prinzip des stetigen Wachstums nichts mehr anfangen können, wird es ein interessantes Handbuch sein.“ Marlene Nowotny, 01.08.2014 ORF

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Wir sind der Wandel

Warum die Rettung der Erde bereits voll im Gang ist – und kaum einer es bemerkt

Wir sind der Wandel Paul Hawken
Hans Nietsch Verlag 2010
Emmendingen. 410 Seiten.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts zeigen sich zwei erstaunliche Entwicklungen: Auf der einen Seite sind wir mit systemischen Problemen konfrontiert, die sich nur global lösen lassen, und auf der anderen Seite gibt es das stille Wachsen einer Bewegung, die ohne Hierarchie und Ideologie an vielen Orten der Welt spontan das Notwendige für ein nachhaltigeres und gerechteres Leben der Menschen tut – nach Hawkens Auffassung das Modell einer kooperativen und toleranten Menschheit, die überlebensfähig ist. Die Bewegung besteht aus mehr als einer Million Gruppen, die lokal oder auch international gegen Umweltzerstörung kämpfen, Nachbarschaftshilfe leisten, für Menschenrechte eintreten oder das Überleben indigener Kulturen sichern helfen. Obwohl sie von der Politik und den Medien nur vereinzelt wahrgenommen werden, bringen sie das hervor, was eines Tages vielleicht als größte Transformation der menschlichen Gesellschaft gelten wird. „Wir sind der Wandel“ erzählt davon, welche positiven Dinge gegenwärtig auf der Welt passieren, weil Menschen sich mit ihrem Verantwortungsbewusstsein, ihrer Sensibilität und ihren Überzeugungen dem Wohl ihrer Mitmenschen und der Erde widmen.

Paul Hawken gilt als Vordenker und Wegbereiter einer nachhaltigen und gerechten menschlichen Gesellschaft. Sein neues, nun in deutscher Sprache erscheinendes Werk stand lange Zeit auf der Bestsellerliste der „New York Times“.

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Grauer Footprint

Aus dem Ressourcenverbrauch, der nicht eindeutig einer Person zugeordnet werden kann, ergibt sich ein Grauer Footprint oder “gesellschaftliche Overhead”. Er umfasst alle Leistungen, die von einer Gesellschaft für die Allgemeinheit erbracht werde, wie der Bau und Unterhaltung von Schulen, Krankenhäusern, Wohnraum und Verkehrswegen. Auch der Betrieb von Banken, Versicherungen, Polizei, Feuerwehr, Militär und Aufwendungen für Parlamente und Regierungen gehören dazu.

Zwar wird der Wohnraum von einzelnen Personen genutzt, denen für das Wohnen selbst ein Footprint  zugeordnet werden kann, aber der Footprint für die Errichtung des Wohnraums wird allen Bewohnern zugeteilt. Es erfolgt also gewissermaßen eine Abschreibung des Footprints über die Nutzungsdauer des Wohnraums.

Grauer Footprint ist Ressourcennutzung, für die alle verantwortlich sind.

Der Graue Footprint macht etwa ein Drittel des Ökologischen Fußabdrucks aus. Er kann von dir alleine nicht beeinflusst werden, sondern ist nur von unserer Gesellschaft als Gemeinschaft veränderbar. Deshalb ist dein gesellschaftliches Engagement so wichtig.

Diese gesellschaftlichen Veränderungen werden stattfinden. Sie werden aber immer angestoßen von einzelnen Menschen und Gruppen. Hier hast du Möglichkeiten, Veränderungen voranzutreiben.

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Don’t think of an elephant

Know your values and frame the debate.

don't think of an elephant George Lakoff
Chelsea  Green Publishing Company 2004
White River Junction. 124 Seiten.

Am Beispiel der USA wird gezeigt, wie Werte durch Begriffe vermittelt werden und wie damit die öffentliche Meinung beeinflusst wird.  Lakoff zeigt in Don’t think of an elephant anschaulich, wie Sprache Werte transportiert und wie gefährlich es ist, die Sprache des politischen Gegners zu übernehmen. Obwohl man meint, dem Gegner zu widersprechen, bestätigt man ihm durch die von ihm vorgegebenen Begriffe. Ein anderes Beispiel ist die Verwendung negativer Begriffe, obwohl doch etwas Positives hervorgehoben werden soll. Viele engagierte Menschen heben hervor, dass sie einen Eingriff verhindert (negativ) haben. Besser wäre es jedoch, zu betonen, was man alles bewahrt (positiv) hat.

 

 

Erhältlich auch über die Global Marshall Plan Foundation.

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Der gekaufte Staat

Wie Konzernvertreter in deutschen Ministerien sich ihre Gesetze selbst schreiben.

Sascha AdDer gekaufte Staat amek  & Kim Otto
Verlag Kiepenheuer & Witsch 2008, 2001
Köln. 244 Seiten.

Hunderte Vertreter deutscher Großkonzerne haben in Bundesministerien eigene Schreibtische bezogen. Bezahlt werden sie von den Unternehmen. Sie arbeiten an Gesetzen mit und sind politisch immer am Ball. Die Unabhängigkeit staatlicher Entscheidungen ist in Gefahr – und damit die Demokratie selbst. Die Recherchen der Autoren veranlassten den Bundesrechnungshof, ihre Prüfer erstmals in alle Bundesministerien zu schicken.

Obwohl bereits einige Jahre alt, ist „Der gekaufte Staat“ leider noch immer hochaktuell.

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Der energethische Imperativ

Wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist.

HermannDer energethische Imperativ Scheer
Verlag Antje Kunstmann 2012
München. 271 Seiten.

100% jetzt: Beschleunigung ist das Kernthema in Hermann Scheers grundlegendem Buch.  Der langjährige Vorkämpfer für erneuerbare Energien und Träger des alternativen Nobelpreises entwickelt in „Der energethische Imperativ“ ein Gesamtkonzept, das als Blaupause für die Energiewende dienen kann. Er bietet eine fundierte Bilanz der verschiedenen Konzepte nach ihren unterschiedlichen Wirkungen und Erfolgsaussichten und beschreibt Schlüsselprojekte, die den Wechsel zu 100% erneuerbare Energien vorantreiben und unumkehrbar machen können.

Das Buch zeigt, wie der Wechsel zu 100% Erneuerbaren funktionieren kann und warum das nur dezentral ohne Großprojekte wie Desertec oder Offshore-Windparks möglich ist. Anspruchsvoller Text. Für Anfänger in der Thematik ist Willenbacher (s.u.) als Einstieg empfehlenswert.

Hermann Scheer am 4. April 2004 im Deutschen Bundestag

Hermann Scheer am 26. Februar 2010 im Deutschen Bundestag

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