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Risikowahrnehmung

Dass unsere Risikowahrnehmung, also die Wahrnehmung von Gefahr wenig mit der Realität zu tun hat, ahnen wir alle. Wir fürchten uns vor Gewalttätern, obwohl die Zahl der Straftaten in den letzten Jahren etwa gleich blieb und die Zahl der Raubdelikte sogar rückläufig ist.  Zugenommen haben laut polizeilicher Kriminalstatistik vor allem politisch motivierte Gewalttaten. Wir sind von der Zahl von knapp 3.000 Toten beim Anschlag auf das World Trade Center in New York 2011 schockiert, interessieren uns aber nicht dafür, dass laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jeden Tag über 16.000 Kleinkinder an Hunger sterben. Das bedeutet, alle viereinhalb Stunden sterben genau so viele Kleinkinder, wie Menschen am 11. September 2011 im WTC starben.

Auch die Wahrnehmung der Gefahren, die uns direkt bedrohen ist verzerrt. Ein Beitrag im politischen Feuilleton des Deutschlandfunks vom 25. Juli 2017 bringt das sehr schön auf den Punkt. In seinem Beitrag “Wenn Abgase gefährlicher als Attentäter sind” zeigt Stefan Kühl, wie verzerrt unsere Wahrnehmung von Gefahr ist.

Android-Handys länger nutzen

Handys, besonders Android-Handys, gehören bei uns zum Alltag. Es gab in Deutschland im ersten Quartal 2017 mehr als 131 Millionen Mobilfunkanschlüsse. Durchschnittlich wird ein Handy nur 18 Monate genutzt, bevor ein neues angeschafft wird. Das ist aber oft vollkommen überflüssig, verbraucht wichtige Ressourcen und vergrößert den Ökologischen Fußabdruck. Manchmal wird das Handy nur deshalb zu langsam, weil der Speicher voll ist. Da reicht es vollkommen, das Handy aufzuräumen. Im Zweifelsfall wieder auf Werkseinstellungen zurückzusetzen. Die Kontakte und andere wichtige Daten müssen natürlich vorher gesichert werden, weil beim Zurücksetzen alle Daten gelöscht werden.

Reparieren

Leider werden Handys heute oft so hergestellt, dass sie nicht lange halten und nur schwer zu reparieren sind. Ausnahmen sind das Fairphone und das Shiftphone, Android-Handys, die so aufgebaut sind, dass man selbst defekte Module austauschen kann bzw. man darf sie aufschrauben, ohne dass die Gewährleistung verfällt. Wer ein Handy eines anderen Herstellers hat, muss das Gerät reparieren lassen, doch oft ist die Reparatur des Handys teurer als ein neues (gebrauchtes) Gerät. Deshalb erst einmal nachsehen, was die Reparatur kosten wird. Wer nicht zu ungeschickt ist, kann aber versuchen, das Handy, das bereits aus der Gewährleistung ist, selbst zu reparieren. Bei Ifixit  findest du für viele Geräte Reparaturanleitungen und kannst dir gleich die Ersatzteile bestellen. Viele Reparaturanweisungen findest du auch bei YouTube.

Gebrauchte Handys kaufen und verkaufen

Wenn das Handy nicht mehr zu reparieren ist, kannst du dir auch ein gebrauchtes Handy kaufen. Bei Handyverkauf.net findest du verschiedene gewerbliche An- und Verkäufer für gebrauchte Handys. Du kannst dein gebrauchtes Handy auch auf dem Flohmarkt oder über eine online-Plattform (z.B. eBay) kaufen oder verkaufen. Allerdings solltest du beim Verkauf darauf achten, dass deine Daten sicher gelöscht sind, damit vertrauliche Daten nicht in falsche Hände gelangen und du deine Fotos irgendwann im Internet wiederfindest. Das Zurücksetzen auf Werkseinstellung reicht nicht, da die Daten mit speziellen Programmen wiederherstellbar sind. Um die Daten sicher zu löschen, musst du deine Daten erst auf dem Handy löschen, das Handy verschlüsseln und dann im Recovery-Modus auf Werkseinstellungen zurücksetzen bzw. die Daten formatieren. Wie du die Daten auf deinem Handy sicher löschst, kannst du hier nachlesen.

Android Custom-ROM: Aus Alt mach Neu

Selbst wenn das Handy gut behandelt wird, gibt es in der Regel nach zwei Jahren für das Gerät keine neue Android-Version mehr, sodass neuere Apps unter Umständen nicht mehr darauf laufen. Wer diese nutzen will, ist gezwungen, sich ein neues Handy zu kaufen. Auch gibt es für ältere Android-Versionen keine Sicherheitsupdates mehr.  Hier kann ein Custom-ROM, also eine Android-Version, die nicht von Google bzw. dem Hersteller zur Verfügung gestellt wird, das Leben deines Handy verlängern. Das bekannteste Custom-ROM dürfte LineageOS sein. Eine Liste aller Smartphones und Tablets, für die es  LineageOS gibt, und die dazugehörenden Download-Links findest du hier. Manche Custom-ROMs haben Eigenschaften, die dem offiziellen Android von Google fehlen. Oder sie sind auf das Wesentliche reduziert, damit das Handy schneller wird und Akku spart. Und du brauchst kein Konto bei Google. Statt über den Google Play Store kannst du Apps über F-Droid, Yalp (aus dem F-Droid-Store), Racoon  und andere App-Shops herunterladen. Mehr zu den Alternativen zu Google Play Store in diesem Artikel. Seit Anfang 2018 gibt es das Projekt “MicroG“, bei dem das aktuelle LineageOS mit einer Alternative zu Googles Playservices versehen ist. Das alte Handy kann länger genutzt werden und man umgeht die Datenkrake Google. Du glaubst, du könntest dem Ausspionieren durch Google entgehen? Dann sieh dir das erst Video auf dieser Seite an. Die Download-Links für “LineageOS for MicroG” findest du hier.

Rien ne va plus – Was tun, wenn das Handy nur noch Schrott ist?

Wenn das defekte Handy nicht mehr zu reparieren ist, darf es auf keinen Fall in den normalen Hausmüll geworfen werden. Handys enthalten wertvolle Rohstoffe wie Silber, Gold und Platin sowie in den Akkus giftige Schwermetalle. Auch die Schublade ist nicht der richtige Ort für Elektroschrott. Es sollte unbedingt recycelt werden. Dazu kannst du es bei jedem großen Elektrohändler, deinem Mobilfunkanbieter oder auf dem Wertstoffhof abgeben. Oder kostenlos mit der Post entsorgen. Wie das geht, kannst du bei Utopia nachlesen. Dort gibt es auch Tipps, wie du dein Alt-Handy für einen guten Zweck spenden kannst, beispielsweise über die Handy-Aktion, die Mobile-Box oder Handys für die Umwelt. Eine weitere Internetseite, über die du alte Handys kostenlos abgeben kannst, ist Handysammelcenter. Alle Annahmestellen sortieren noch gut erhaltene Handys aus, löschen die Daten und sorgen für eine längere Nutzung der Handys. Die Handys, die nicht weiter genutzt werden können, kommen zum Recycling. Das unten stehen Video erklärt das genauer.

So wichtig und sinnvoll das Recycling auch ist, es ist nie die beste Lösung. Reduzieren des Ressourcenverbrauchs und längere Nutzung der Produkte sind in der Regel sinnvoller. Abfall, der nicht produziert wird, muss auch nicht entsorgt werden. Warum es besser ist, Handys so lange wie möglich zu nutzen und zu reparieren, statt ständig neue zu kaufen und die alten zu recyceln, wird im Artikel “Das Handy – Goldgrube und Sorgenkind” deutlich. Sehr lesenswert.

Was mit deinem alten Handy passiert, kannst du dir in diesem Video ansehen:

Angst

von Petra Stechele

Auf Angst vor einer komplexen Wirklichkeit gibt es verschiedene Reaktionen. Eine besteht darin, sie zu verdrängen und weiter so zu tun, als wäre alles in Ordnung, meist gepaart mit der Flucht in eine fiktive Scheinrealität. Das ist es, was uns auch gerade in Form des sich verbreitenden Populismus begegnet, der sich in eine vermeintliche Rückkehr in die Nationalstaatlichkeit flüchtet und meint, damit wären schon alle Probleme der Zukunft gelöst und unser Wohlstand für immer gesichert. Die andere besteht in einem beherzten Blick auf die Welt, um sich ihr zu stellen, die eigenen Trägheit zu überwinden und zu handeln.

Trägheit verträgt sich nicht mit dem Schutz unserer Lebenswelt – nein, überhaupt nicht mit dem Leben. Wir überwinden sie aber nur, wenn die Angst so groß wird, dass sie uns dazu treibt.

Der Philosoph Wilhelm Schmid sagte in einem Artikel über German Angst, dass Angst auch ihre positiven Seiten habe, weil wir sonst nicht handeln würden, nichts uns zur Überwindung von Trägheit ansporne. Dabei erwähnte er, dass ihm die Angst vor der ökologischen Katastrophe noch zu gering sei. Denn die sei seiner Ansicht nach ein wirklich reales Gefahrenpotential, das Handlung erfordern würde und genau hier würde sie in fataler Weise unterbleiben.

Statt des sehr realen Abenteuers, der Gestaltung unserer Zukunft und Abwehr der Gefahren für die Umwelt, flüchten wir uns in für uns gefahrlose virtuelle Spiele und Scheinwelten, die uns selbst nur sehr bedingt fordern und fördern. Und womöglich übersehen wir darin die Gefahren, die uns wirklich drohen. „Brot und Spiele“, das war schon im historischen Rom ein beliebtes Mittel, das Volk abzulenken und zufrieden zu halten. Auch heute haben unsere Regierungen nichts dagegen, wenn wir uns mit Vergnügungen zudröhnen, die uns nicht voranbringen. Nicht ohne Grund wurde im Jahr 1984 unter Bundeskanzler Helmut Kohl, dem Verfechter der “geistig-moralischen Wende”, der Rundfunk privatisiert.

Leider ist Trägheit ein Hauptfaktor kultureller Dekadenz. Ein Faktor, der eines Tages unseren Untergang besiegeln könnte.

Warum?

Wir vermeiden aktives körperliches Tun. Alle Arbeiten, die anstrengen, lassen wir von Maschinen erledigen. Manchmal ist das verständlich, denn viele Arbeiten sind ja auch auf Dauer gesundheitsschädlich. Aber dass wir am Ende immer bequemer werden und NICHTS mehr selbst tun wollen, führt zu körperlichen Schäden und Herz-Kreislauferkrankungen. Wir sitzen zu viel. Das müssen wir wiederum durch Sport ausgleichen. Weil das vielfach sehr unbequem ist, brauchen wir auch dazu wieder Maschinen. Die finden wir im Fitnesscenter. Sie ersetzen uns die Bewegung in Welt und Natur. – Ja, wir werden dadurch ein wenig unabhängiger von unserem beschädigten Klima. Was stört uns heiß oder kalt, nass oder trocken?

Wir merken dabei nicht einmal mehr, dass wir zunehmend unser Leben auf diese Weise ersetzen.

Wodurch?

Man könnte sich beinahe fragen, ob wir nicht sogar mit dem Fernseher so etwas wie einen Lebensautomaten erfunden haben. In vielfacher Hinsicht ersetzt er uns ein eigenes Leben. Findet es nicht statt, schauen wir eben fremdem Leben zu. Und je virtueller unsere Möglichkeiten der Freizeitgestaltung werden, umso weniger sind wir noch wirklich an unserem Leben beteiligt, noch wirklich aktiv darin. Eine Bekannte erzählte mir kürzlich von einem virtuellen Erlebnis mit neuen Medien, einer Brille, die eine andere Realität vorspiegelt und wie beeindruckend real und zugleich verwirrend das war. Sie konnte durch eine völlig andere Wirklichkeit gehen, hatte aber brutale Kopfschmerzen danach.

Ja, so können wir auch Abenteuerautomaten erfinden und darin Dinge erleben, die wir gar nicht mehr wirklich erleben. Wir ersetzen alles, sogar die Welt durch Automaten.

Aber was ist die Folge? Was tun wir dann eigentlich noch selbst? Wer sind wir dann noch? Wer können wir noch sein? Wie können wir uns entwickeln?

Wir verlernen Fähigkeiten, die wir einmal real beherrschten. Unser Leben wird reduziert auf Künstliches, Nicht-Reales. Schon im Fitnesscenter laufen wir, aber nicht mehr über Boden, sondern ebenen Gummi. Wie viele Fähigkeiten der Balance, des Ausgleichs von Bodenunebenheiten, wie viele Tempokorrekturen, wie viele unterschiedliche sinnliche und Muskelaktivitäten werden dabei nicht mehr gebraucht? Stattdessen arbeiten wir daran, dass Roboter lernen Bälle zu fangen. Unseren eigenen Kindern bringen wir es nicht mehr bei.

Wir können nichts mehr mit unseren Händen herstellen und es gibt auch kaum noch jemand, der es könnte. Wir kaufen ein neues Teil, das von einem Automaten gemacht wurde, das billig ist, nichts wert, oft nicht einmal schön und schnell wieder weggeworfen wird, weil es nicht zu reparieren ist.

Wir kochen nicht mehr selbst. Wir wissen oft gar nicht mehr, wie das Rohprodukt aussah, das wir essen, wie es riecht, schmeckt aussieht, wie es sich entwickelt und verändert, wenn es wächst, reift, wenn es bearbeitet wird, welche Vielfalt dabei möglich ist, welcher Reichtum der Variationen an Aussehen, Duft und Geschmack. Wie viele Arten verschwinden, weil wir uns nicht für sie interessieren und wie sehr verarmt dabei unsere Welt, wie sehr unsere Fähigkeiten und sinnlichen Erfahrungen. Tierarten, die wir nicht mehr kennen oder nie kannten, Pflanzen und Früchte, deren Farben und Formen wir nicht mehr wahrnehmen.

Ich habe Kinder erlebt, die Angst hatten, eine Wiese zu betreten, weil es darin Insekten gibt. Natürlich ist das Leben ein Risiko, ist es immer gewesen. Aber es verschiebt sich die realistische Einschätzung der Gefahren.

Was ist der Ersatz dafür? Das Scheppern in einem Kopfhörer, das Flackern in einer Computerbrille? Isolierte Wahrnehmungen mit dem Gestank nach angeschmortem Kabel, Kunststoff und Metall, bestenfalls noch irgendwo ein bisschen angekokelt oder fettgeschmiert.

Unsere Regierung schlug vor, dass wir doch ständig Katastrophenvorräte für zehn Tage vorhalten sollen und natürlich immer wieder erneuern und die alten entsorgen. Ein gutes Wachstumsmodell, wie der Rauchmelder, der ständig neue Batterien braucht, damit er einen in Ruhe schlafen lässt. Wie viele Hunderttausende von Leben wird er schon gerettet haben, seit er eingeführt wurde? Ein bisschen Gespür für Realität, ein bisschen Verstand, das scheint uns langsam verloren zu gehen.

Giovanni di Lorenzo schreibt in der ZEIT: „Populismus ist vor allem ein Derivat der Angst, die eine ständige Begleiterin großer gesellschaftlicher und politischer Umbrüche ist. Heute hat sie ihren Ursprung vor allem in einer Globalisierung, die weit mehr ist als der freie Austausch von Waren. […] Die Globalisierung hat die soziale Lage in der Welt verbessert, sie hat Länder zusammenrücken und ein Gefühl der Gesamtverantwortung für Leid und Unrecht auf allen Kontinenten entstehen lassen.

Jetzt kommt es darauf an, ob die Politik Pläne hat, wie mit den erheblichen Kollateralschäden zu verfahren ist. Denn das Gefälle zwischen Arm und Reich innerhalb der einzelnen Gesellschaften hat zugenommen, Einwanderung und Flüchtlingswellen haben das soziale und kulturelle Gefüge vieler Länder verändert. [Anm. d. Verf.: Ich würde Flüchtlingswellen durch Flucht ersetzen, weil mit Ausdrücken wie Flüchtlingswelle oder Flüchtlingsströme der Eindruck entsteht, wir würden von den Flüchtenden überrollt, was ja schon rein zahlenmäßig ein unrealistisches Bild ist.] Die digitale Revolution bedroht Millionen Arbeitsplätze (bevor sie vielleicht neue schafft). Darauf reagieren Populisten mit dem Heilsversprechen neuer nationaler Grenzen […] Wer dagegen erfolgreich angehen möchte, muss beweisen, dass Regierungen auch in der Diversität Ordnung schaffen können und sehr wohl noch in der Lage sind, Macht auszuüben, zum Beispiel gegenüber Banken und entfesselten Großkonzernen – insbesondere den digitalen.“

Hier trifft er das Problem sehr genau und zitiert abschließend Winfried Kretschmann:“ Anstatt Vorgaben für das gute Leben und die individuelle Lebensgestaltung zu machen, sollten wir uns auf den Kampf für eine gute Ordnung der Dinge konzentrieren.“

Das Leben lebt von der Vielfalt. Auch von der Vielfalt im Miteinanderleben unterschiedlicher Menschen. Denn der Kampf um die Lebensgrundlagen auf dieser Welt vereint uns letztlich alle und nur so können wir auch die Fluchtursachen zu verhindern helfen. Denn wir müssen erkennen, wie sehr das eine mit dem anderen zusammenhängt. Leider geschieht das bisher nicht, ganz im Gegenteil, der Schutz der Lebensgrundlagen unserer Umwelt wird seit der Flüchtlingskrise eher verdrängt und weniger ernst genommen.

Verzerrte Wahrnehmung

von Petra Stechele

Immer wieder staune ich, welch verzerrte Wahrnehmung einem im Zusammenhang mit dem Umweltproblem begegnen kann. Kürzlich las ich folgenden Satz in meiner lokalen Tageszeitung:

Der Atomausstieg bringt große Risiken für den Steuerzahler mit sich.

Da ist zunächst die völlig falsche Darstellung des Problems. Es ist nicht so sehr der Atomausstieg, der die Kosten verursacht, sondern es sind die Folgen des Atomeinstiegs und zwar schon seit es die Atomkraft gibt. Jegliche Schäden die auftreten, bezahlt seit jeher der Steuerzahler. Folgen der Umweltkatastrophen bei Störfällen, Gesundheitsschäden an Menschen, die im Umkreis leben und bereits im normalen Betrieb von Strahlenbelastungen betroffen sind, insbesondere von Kindern. Macht man sich denn gar keine Gedanken, woher die vielen Krebsfälle bei jungen Menschen kommen. (Natürlich gibt es dafür auch noch andere Ursachen.) Dann ist da noch die Lagerung gebrauchter Brennstäbe und deren Folgen. Die Frage der Endlagerung, auch wenn der Betrieb der Kraftwerke weiterginge, ist sie nach wie vor ungelöst. Alte, schadhafte und unsichere Kernkraftwerke müssen ohnehin teuerst rückgebaut werden.

Wir sollten uns endlich eingestehen, dass wir hier für einen Fehler bezahlen, den wir bereitwilligst mitverschuldet haben, indem wir einverstanden waren. Jedenfalls für lange Zeit und viele sind es noch heute, wenn sie keinen Ökostrom beziehen.

Die großen Risiken sind reine Kosten für etwas, das ohnehin zu entrichten sein wird, heute oder von späteren Generationen, zusammen mit all den Kosten, die bis dahin noch an Umwelt und Menschen entstehen werden, wenn die Kernkraftwerke (und Kohlekraftwerke) weiterbetrieben werden. Es kann hier also nicht von Risiken gesprochen werden, sondern von reiner Schadensbegrenzung. Im eigentlichen Sinn also keinesfalls Risiken, sondern das genaue Gegenteil, Risikominderung ist hier beabsichtigt. Der Steuerzahler kann das Risiko für seine Gesundheit und die seiner Kinder wenigstens in diesem einen Bereich verringern.

Der so genannte Steuerzahler. Wer ist das eigentlich? Geht es hier nicht viel mehr um Menschenleben, um Kinderleben, egal, ob sie im eigentlichen Sinne selbst schon Steuern zahlen oder nicht. Der Faktor des Steuernzahlens ist völlig unerheblich. Es ist eine grundsätzliche Frage, was mit Steuergeldern überhaupt bezahlt werden soll und wer für die Folgen der Kernkraft aufkommen muss. Wem wird hier das Wort geredet? Keineswegs wirkte dieser Titel so, als wäre er im Sinne eines imaginären Steuerzahlers. Vielmehr redet er den Energiekonzernen das Wort. (Ich bezweifelte aber, dass das im Sinne des Autors war, als ich den dazugehörigen Artikel las.) Vielmehr ist es einfach nur Polemik. Hier wird die imaginäre Figur eines Steuerzahlers heraufbeschworen, der Schuldzuschreibungen vornimmt und immer sich selbst als armes Würstchen sieht.

Aber ja, was wird mit unseren Steuern nicht alles finanziert, was muss alles finanziert werden? Wir zahlen für alles. Zuerst dafür, dass Schäden angerichtet werden und dann dafür, dass sie wieder behoben werden. Wenn wir die Kriege betrachten, ist es ganz eindeutig. Wir zahlen für die Militäreinsätze und für den Wiederaufbau, für die Rettung und Versorgung der Opfer schon nicht mehr so gerne. Dabei profitieren wir (die deutsche Wirtschaft) davon, dass anderswo Menschen sterben. Deutschland hat im Jahr 2015 für mehr als 7,5 Milliarden Euro Waffen exportiert (https://www.welt.de/wirtschaft/article152530428/Die-Maer-vom-Rueckgang-deutscher-Waffenexporte.html). Am Aufbau der verwüsteten Regionen verdienen deutsche Bauunternehmen (https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wiederaufbau-in-libyen-in-der-transall-nach-bengasi-1.1134179).

Genauso ist es mit den Umweltschäden. Regen wir uns darüber auf, dass sie verursacht werden? Nur einige wenige. Den meisten ist es relativ gleichgültig. Sie ziehen vor, nicht hinzusehen. Nehmen wir die Klimaschäden. Wie oft hört man: „Ich hab es lieber warm.“? Nehmen wir die Energiefrage: „Wie viele Leute stören sich mehr an der Optik eines Windrades, als an der eines Amazon- oder Ikea-Hauptlagers oder dem einer riesigen Spedition, dem eines Kraftwerkes? Warum sind Windräder so ein Stein des Anstoßes? Ich bin in einem Nebelgebiet auf stürmischer Hochebene unter Windrädern hindurchgefahren auf wenige Meter Distanz und habe sie nicht einmal bemerkt, erst als der Nebel sich verzog. Dennoch hört man ständig, sie seien laut. Vielleicht das Billigexemplar?

Wie vielen Leuten ist es egal, wie und unter welchen Umständen ein Produkt erzeugt wird und wo es Schäden verursacht? Hauptsache wir sehen es nicht. Ein Chemiker sagte mal: „Unsere Flüsse sind so sauber wie nie.“ Klar, weil wir die Schäden ja outsourcen! Wir vergiften die Flüsse in Indien und anderen Ländern. Im selben Atemzug höre ich andere über Nächstenliebe predigen und werde mir darüber klar, dass das heute nicht mehr genügt, es muss um Fernstenliebe gehen. Oder um Liebe zur Welt und ihren Menschen!
Kürzlich erzählte mir eine Frau, die als Hausmeisterin einer großen Wohnanlage arbeitet, wie schlecht bezahlt sie sei und welches Ausmaß die Ausbeutung langsam annehme. Das stimmt! Danach beschwerte sie sich darüber, dass man beim Discounter nicht freundlich bedient würde. Als ich entgegnete, dass es dort eben auch nur schlecht bezahlte Leute gäbe, die ausgebeutet würden, meinte sie, sie müsse eben sparen. Dabei entgeht diesen Leuten, dass sie damit die Teufelsspirale antreiben, deren Opfer sie am Ende selbst sind, dass sie den Bedarf nach Billigprodukten, die ökologische Misswirtschaft, die Ausbeutung der Böden in der Landwirtschaft dadurch mit verursachen. Gleichzeitig ist die gesamte Familie aber übergewichtig. Da es auch noch andere Läden gibt, bei denen die Bedienung schon etwas freundlicher ist, könnte man zumindest damit beginnen, sich nach der Decke zu strecken und manchmal denken. „Weniger ist mehr“, auch beim Essen. Zudem wäre es gesünder.

Dieselbe Frau berichtete auch davon, dass ihre Kinder alles, was von den eigenen Kindern anfalle, einfach wegwerfen würden, von Spielzeug, über Kleidung bis hin zu Möbeln. Statt an Wiederverwendung zu denken, wird der Container bemüht, bei jedem Umzug der Sperrmüll! Dies ist eine logische Folge des Billigkonsums. Was nichts wert ist, taugt nur für den Müll! Umso schneller wird es wieder entsorgt. Weil es ja nicht hält, weil es ja nicht mal das wenige Geld wert ist. Aber wohin geht dieser Müll? Das ist diesen Menschen schon wieder egal. Weg! Dass sie damit genau die Zukunft der Kinder gefährden, die sie gerade aufziehen, sehen sie nicht. Denn weg ist nicht weg! Weg heißt: es lagert auf einer mondähnlichen Müllkippe (haben sie aber noch nie gesehen!), weg heißt: verbrannt in der Müllverbrennung (wohin gehen die giftigen Abgase und Schlacken?) Warum haben die Leute dann Asthma? Weg heißt: Von welchen Ressourcen sollen die Kinder einmal ihr Leben bestreiten, wenn Böden und Landschaften vernichtet sind? Die Zusammenhänge werden nie hergestellt. Man steigt in den Flieger und fliegt auf die Insel, dahin, wo es noch schön ist. Man hört weg, wenn die Bewohner dort klagen, wie sie zu kämpfen haben, um diese Schönheit vor Zerstörung zu bewahren. Das ist deren Problem, denn man wohnt dort ja nicht!

Natürlich ist diese Familie kein Einzelfall. Sie ist leider typisch. Es gibt noch zu viele davon!

Und ja, ich sehe darin auch ein Versagen der Bildung, das bis zum heutigen Tag andauert, denn bis heute hat sich die Bildungspolitik dieses Problem nicht klar gemacht. Weil unser Bildungssystem anpasst, statt kritikfähig zu machen und zu eigenständigem Denken zu erziehen

Verzerrte Wahrnehmung. Ein Vogel-Strauß-Lebensstil, der alles ausblendet, was er nicht sehen will, auch und vor allem, wenn es die unbequeme Wahrheit ist. Eine absolute Verdrehung der Wahrheit im Zusammenhang mit all diesen Fragen. Und so wird hier sehr schnell aus dem Risiko für das Leben ein Risiko für den Geldbeutel und aus dem Menschen ein Steuerzahler.

Aber hier geht es um nichts Geringeres als eine gesunde und lebenswerte Umwelt für Menschen auch in der Zukunft.

Bemerkungen zum Earth Overshoot Day

von Stefan Simonis

Wieder ist der Earth Overshoot Day ein paar Tage früher. Es ist gut, dass dieses Datum mittlerweile auch in den Medien ein wichtiges Thema ist. Dabei wird auf die tragische Übernutzung unseres Planeten hingewiesen. Darüber hinaus ist es aber wichtig, die wahren Ursachen und ihre Folgen zu benennen. Daher ein paar sehr persönliche Bemerkungen dazu.

Overshoot ist schon jetzt ein Problem.

Es geht nicht alleine darum, dass wir die Erde für zukünftige Generationen unbewohnbar machen, sondern dass wir bereits jetzt mit unserem ausufernden Lebensstil auf Kosten der Menschen in anderen Regionen leben. Die über 65 Millionen Flüchtlinge auf dieser Welt sind ja nicht unterwegs, weil es ihnen Spaß macht. Sie fliehen vor Hunger und Krieg. Beispielsweise hat der Bürgerkrieg in Syrien vordergründig nichts mit der Übernutzung des Planeten zu tun, denn nennenswerte Bodenschätze gibt es dort nicht. Doch die Ursache für den Bürgerkrieg waren Dürren1, Wasserknappheit und daraus resultierend Hunger, auf die die syrische Regierung nicht angemessen reagiert hat. Dass dies Folgen des Klimawandels sind, in dem wir uns befinden und den wir nun auch in Europa zu spüren bekommen, dürfte unbestritten sein. Aber für diesen Klimawandel sind vor allem wir reichen Länder verantwortlich. Aus dem Aufstand gegen eine ignorante Regierung ist ein Krieg der Stämme und Glaubensrichtungen geworden. Russland beteiligt sich auf der Seite der syrischen Regierung am Bürgerkrieg, nicht um gegen Islamisten zu kämpfen, sondern um sich den Zugang zum Mittelmeer und damit zu Ressourcen zu erhalten. In Tunesien, von wo der Arabische Frühling seinen Ausgang nahm, waren Auslöser u. a. die stark gestiegenen Energie- und Lebensmittelpreise2. Beides Folge unseres Ressourcenverbrauchs und der Spekulation mit Nahrungsmitteln3. Die Kriege im Kongo, Afghanistan und Irak waren ursprünglich Kriege um Ressourcen bzw. den Zugang zu Ressourcen, die wir meinen zu benötigen. Die reichen Länder haben mit der Intervention in diesen Ländern die Systeme destabilisiert und sind somit auch für die nun religiös verbrämten Kriege verantwortlich. Der Terror kommt nicht ohne Grund zu uns. Hier wird, wie es auch von unseren Regierenden gesehen wird, unser Lebensstil bekämpft. Aber es geht im Kern nicht um religiöse Fragen, sondern darum, sich gegen die andauernde Ausbeutung zu wehren. Zumindest spielt unsere Verschwendungssucht auf Kosten der Ärmsten den Extremisten in die Hände.

Gute Vorsätze reichen nicht aus.

Was sind aber unsere Antworten? Wir versuchen uns die Flüchtenden mit Zäunen und fragwürdigen Deals vom Hals zu halten. Dabei wäre die einzig richtige Antwort, die Lebensmöglichkeiten der Menschen zu verbessern, indem wir wirklich das Fortschreiten des Klimawandels verhindern und für eine gerechte Verteilung der Schätze dieser Welt sorgen. Wir dürfen nicht weiter Geschäfte mit Despoten machen, nur um billig an Rohstoffe zu kommen. Waffenexporte mögen lukrativ sein und garantieren uns vielleicht eine Weile lang die Versorgung mit Rohstoffen. Aber mittel- und langfristig verschärfen sie die Situation auch für uns, weil ihr Einsatz nur noch mehr Menschen zur Flucht zwingt. Wir müssen die Verbrennung fossiler Energieträger sofort stoppen und den Menschen in den Regionen, die bereits jetzt unter dem Klimawandel leiden, helfen. Die Hilfe kann aber nicht bedeuten, dass wir Nahrungsmittel dorthin schicken und damit die möglicherweise noch einigermaßen funktionierende Wirtschaft ruinieren. Hilfslieferungen können nur Krücken sein, bis der “Patient” wieder selbst laufen kann. Das heißt, wir müssen die Menschen vor Ort unterstützen, lokal angepasste Lösungen zu finden. Dazu gehört auch, dass wir aufhören, die fruchtbarsten Böden für unsere eigene Nahrungsmittelproduktion zu nutzen. Wir müssen das Land wieder den Menschen zurückgeben, die dort schon immer gelebt haben. Das bedeutet aber auch, dass wir auf billige Importprodukte verzichten müssen.

Es ist wichtig, wenn in der Berichterstattung zum Earth Overshoot Day darauf hingewiesen wird, weniger zu fliegen, weniger Fleisch zu essen oder mehr Fahrrad zu fahren. Aber das reicht nicht. Wir müssen unseren Lebensstil verändern und wir müssen dieses Wirtschaftssystem verändern. Es muss gerechter und solidarischer werden. Wie der frühere Bundespräsident Dr. Horst Köhler in einem Interview in der ZEIT vom 24. September 20154 mit Bezug auf die Flüchtenden sagte: “Wenn wir erreichen wollen, dass mehr von ihnen zu Hause Perspektiven finden, dann müssen wir endlich das globale Handelssystem fairer machen, die internationale Steuerpolitik gerechter machen und mehr dazu beitragen, dass Arbeitsplätze und Wertschöpfung in Afrika entstehen. Dazu gehört, den illegalen Kapitalabfluss aus diesen Ländern auch bei uns zu bekämpfen.

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1 https://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%BCrren_in_Syrien_im_20._und_21._Jahrhundert
2 https://de.wikipedia.org/wiki/Revolution_in_Tunesien_2010/2011
3 https://www.welthungerhilfe.de/schwankungen-bei-nahrungsmittelpreisen.html
4 https://www.zeit.de/2015/39/horst-koehler-fluechtlinge-interview

The True Cost

Am 21. Januar 2016 kam der Film “The True Cost” in die deutschen Kinos. Er beschäftigt sich mit unserer Kleidung, den Menschen, die sie für uns herstellen und den Auswirkungen der Produktion auf die Umwelt.

Da wir billig Kleidung kaufen wollen, werden Bauern auf den Baumwollfeldern vergiftet, können Näherinnen sich nicht um ihre Kindern kümmern, weil ihr Lohn so gering ist, dass sie lange arbeiten müssen, um überleben zu können, und sterben Menschen durch vergiftetes Wasser und verseuchte Böden. Der Zusammenbruch des Rana Plaza im Jahr 2013, bei dem über 1100 Menschen starben, war nur das spektakulärste von vielen Unglücken in der Textilindustrie, bei dem Näherinnen zu Tode kamen. Doch wir schaden uns auch selbst. Abgesehen davon, dass wir giftige Chemikalien aus der Kleidung durch unsere Haut aufnehmen, glauben wir Bedürfnisse, die uns die Werbung eingeredet hat, auf Kosten der Arbeiterinnen in Bangladesch befriedigen zu können. Sie werden aber nie befriedigt. Sollen sie auch nicht, denn das ist der Antrieb unseres Wirtschaftssystems: Immerwährender Konsum. Die Kleidung scheint billig zu sein, doch die wahren Kosten sind enorm hoch. Der Film “The True Cost” zeigt die Menschen, die für uns hart arbeiten und doch selbst nicht davon leben können und stellt Bilder unseres irrwitzigen Konsumwahns dagegen. Er benennt die Schuldigen und präsentiert Alternativen.

Bevor es wieder zum shoppen geht, erst einmal diesen Film ansehen! Für den Preis von zwei T-Shirts kann man sich den Film herunterladen und ansehen.

Beitrag zu Film bei ttt vom 28.06.2015

Weihnachtsgrüße

Zwei Weihnachtsgrüße für besinnliche Feiertag

Hier zwei etwas andere Weihnachtsgrüße. Wenn du magst, kannst du dir die Bilder auf deinen Rechner herunterladen oder den Link zu den Bildern per E-Mail verschicken. Linksklick öffnet ein neues Fenster mit der Grafikdatei. Bei Rechtsklick kannst du die Grafik speichern oder den Link zur Grafik per E-Mail mit deinem persönlichen Wünschen verschicken.

Weihnachtsgrüße 2015 Weihnachtsgrüße 2014

Krisen

von Petra Stechele

Das Wort ist aus unseren Medien inzwischen nicht mehr wegzudenken. Doch gerade das sollte zu denken geben. Denn eine Krise bezeichnet eine Ausnahmesituation, genauer: Eine Entscheidungssituation, einen Höhe- bzw. Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung (Duden).

ÖLKRISE FINANZKRISE WIRTSCHAFTSKRISE GRIECHENLANDKRISE BANKENKRISE FLÜCHTLINGSKRISE …

Doch wie bereits Horst Köhler in seinem ZEIT-Artikel ausgeführt hat (siehe Brief an die Kanzlerin), sind dies keine wirklichen Krisen, sondern Symptome. Symptome dafür, dass unser Wirtschaftssystem überholt ist und sich nicht an die veränderten Gegebenheiten der Welt angepasst hat. Es funktioniert so nicht mehr. Es lässt zu große Ungerechtigkeit entstehen. Es schließt zu viele Gesellschaften vom Wohlstand aus und ist längst zu einer Herrschaft des weltweiten Großkapitals geworden, das den Regierenden die Macht aus der Hand genommen hat. Zuallererst, weil Regierungen nichts mehr fürchten als Stagnation. Wirtschaftliches Wachstum gilt in diesen Kreisen nach wie vor als Garant für Wohlstand. Und die WählerInnen fürchten um ihre Arbeitsplätze und ihre Fähigkeit zum Dauerkonsum.

Wie bei körperlichen Erkrankungen ziehen wir meist vor, ein Medikament zu suchen, das schnell die Symptome zum Verschwinden bringt, ohne die wirkliche Krankheit zu heilen. Wir nehmen ein Schmerzmittel, achten nicht auf Risiken und Nebenwirkungen, wollen unser Verhalten nicht ändern, das zu der Krankheit geführt hat. Deshalb geschieht, was geschehen muss. Die Symptome kehren zurück, meist noch viel schlimmer als zuvor oder sie verlagern sich nur an eine andere Stelle auf ein anderes Organ und schwächen uns immer mehr.

So ist es auch mit der Welt. Die Regierenden sind erstaunlicherweise blind für das, was bereits seit vielen Jahrzehnten kein Geheimnis ist. Mit den immer gleichen Rezepten sollen die Krisen gelöst werden. Der Klimawandel, der durch technischen Fortschritt verursacht wurde, soll durch mehr technischen Fortschritt bekämpft werden. Die Ungleichheit in der Welt, die durch unser ungerechtes Wirtschaftssystem verursacht wurde, soll durch noch mehr Wirtschaftswachstum beseitigt werden. Das Bild von der steigenden Flut, die auch die Schwachen nach oben tragen soll, sitzt fest in den Köpfen. Dabei hat die Realität dieses Bild längst Lügen gestraft. Nein, sie stellen sich blind, weil sie, wie auch die Wirtschaftsmächtigen wissen, dass die Krankheit nur heilbar wäre, wenn wir unser Verhalten unser Wirtschaften ganz grundlegend verändern würden. Wenn wir uns ein „gesundes“, ein „verträgliches“ Verhalten angewöhnen würden. Das würde für manche darin bestehen, dass sie bestimmte Dinge nicht mehr wie gewohnt tun können, wie das auch bei Krankheiten der Fall ist. Es würde auch darin bestehen, dass man manche andere Dinge tun müsste, die bisher nicht nötig waren. Es würde auch bedeuten, dass man manchmal unsicher ist und erst ausprobieren muss, was denn nun das Richtige, das „weltgesunde“ Verhalten eigentlich ist, vorsichtig, nachdenklich, kritisch sein, hinterfragen und Fehler korrigieren.

Aber was „das Heilmittel“ denn sein könnte, das haben viele schon seit langer Zeit beschrieben. Es würde auf jeden Fall darin bestehen, dass wir versuchen müssten, nicht stets noch mehr Ressourcen zu verbrauchen, als uns im Verhältnis zu anderen Völkern dieser Erde zustehen.

Kürzlich war ich bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Terrorismus. Der Nahostkorrespondent, Jörg Armbruster, hat über die Entstehung des Terrorismus referiert und seine Beobachtungen geschildert. Miguel Berger vom Auswärtigen Amt sprach darüber, dass man mit Terroristen nicht verhandeln könne und deshalb militärische Lösungen die politischen ergänzen müssten. Vom Publikum wurde wiederholt auf die Punkte Perspektivlosigkeit, Jugendarbeitslosigkeit und Chancenlosigkeit in diesen Ländern hingewiesen. Auch darauf, dass bereits durch westliches Eingreifen zahlreiche Staaten zerschlagen worden sind, in denen nun Terroristen und Terrorregime das Vakuum füllen. Waffenlieferungen wurden erwähnt, unsere Abhängigkeit vom Öl Saudi Arabiens, das wiederum zur Finanzierung und Unterstützung des Terrors dient. Aber der Diplomat ließ sich durch nichts von seiner Medizin, der Bombe, abbringen, also die Symptome zu kurieren. Am Ende sprach die Moderatorin von einem „antiwestlichen Narrativ“ (=Erzählung) zu dem ein „Gegennarrativ“ (=Gegenerzählung) gefunden werden müsste und fasste so die Meinung des Publikums mit auf. Aber dieser Punkt, der als einziger an die Ursachen des Problems ging, wurde nicht weiter angesprochen. Denn damit war die Veranstaltung zu Ende. Was bleibt, sind die Bomben auf Syrien, sind die Soldaten, die wir entsenden, die Flugzeuge, ein Kriegsschiff, um die Franzosen zu unterstützen bei einer Mission die völkerrechtlich noch gar kein Mandat hat.

Wenn man in die Bücher schaut, dann kann man bei A. Munif, Salzstädte oder Orhan Pamuk, Istanbul nachlesen, wie solche antiwestlichen Narrative entstanden sind. Ich erwähnte andernorts, wie einst freie Beduinen zu Untertanen von Emiren wurden, weil diese plötzlich durch die Ölquellen, die von den USA erschlossen wurden, zu Herrschaftsmacht kamen und damit eine Polarisierung der arabischen Bevölkerung entstand. Nach dem ersten Weltkrieg hat der Westen dort künstliche Staatengebilde errichtet,  wie Syrien und den Irak, die als Nachfolger ehemaliger Kolonien, Völker zusammenzwangen, die gar nicht zusammenpassten. In der Folge wurden die Sunniten von den Schiiten (zwei unterschiedliche islamische Glaubensrichtungen) unterdrückt. Jetzt bilden die Sunniten in ihrem Hass auf die Unterdrücker den Kern des IS. Orhan Pamuk beschreibt, wie er den Niedergang des Osmanischen Reiches erlebte, das einen Großraum des Mittelmeergebietes und der heutigen Krisenregionen einnahm. Er erkannte, „…dass wir unser „Herrendasein“ nicht in erster Linie unserem Besitztum zu verdanken hatten, sondern der Tatsache, dass wir modern und europäisch waren“, „verwestlicht“ wie „französische Bourgeois“. Er beschreibt den „mit Neid und Schuldgefühlen vermischten Wunsch nämlich, die letzten Spuren einer großen Kultur getilgt zu sehen, an deren Stelle wir unwürdigerweise ein billiges Abziehbild westlicher Zivilisation setzten.“ Der Franzose André Gide schrieb, „dass er die Türken verabscheue und spricht von der Überlegenheit der westlichen und insbesondere der französischen Zivilisation.“ Pamuk sagt dazu, „dass die Intellektuellen [Türken, Anm. d. Verf.] Gide insgeheim Recht gaben.“ Er fährt fort, „dass die militärischen und wirtschaftlichen Triumphe der westlichen Zivilisation, selbst eher kritisch veranlagte westliche Intellektuelle mit kaum verhohlenem Stolz erfüllen und dass auch sie davon überzeugt sind, der Westen sei das Maß aller Dinge.“„Ich bin genauso wie die Stadt ein lebender Toter, ein atmender Leichnam, ein armer Hund, der – wie Straßen und Gehsteige mich wissen lassen – zu Niederlage und Schmutz verurteilt ist.“ So beschreibt er seine Entfremdung, obwohl – oder weil er an einer amerikanischen Schule erzogen wurde. Wen wundert wenn andere lebende Tote zu Selbstmordattentätern werden?

Pamuk erzählt hier von der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Man sieht an diesem Beispiel, wie dieses Denken weiterging. Sieht den Abstieg der Länder, die eben nicht dem „Maß aller Dinge“ entsprechen konnten und wie dieses Empfinden sich ausbreitete und seine explosive Gewalt entfalten konnte, weil wir nichts unternommen haben, diese “antiwestliche Erzählung“ rechtzeitig zu erkennen, die hier entstand und ihr einen anderen Inhalt zu geben. Und auch jetzt sind wir dabei, wieder einmal die Geschichte nicht zu unseren Gunsten umzuschreiben.

Denn wenn wir das tun wollten, müssten wir erkennen, dass wir durch unseren verschwenderischen Lebensstil eine massive Ungleichheit in der Welt verursacht haben und unsere Güter häufig durch die Ausbeutung anderer produziert werden. Wir müssen erkennen, das Wohlstand nicht auf Kosten anderer entstehen kann. Und dass Wohlstand nicht bedeutet, ein zweites oder drittes Auto zu kaufen, jeden Tag Fleisch zu essen oder in Urlaub zu fliegen. Das sind nur die verzweifelte Versuche, uns von der Krankheit abzulenken. Wenn wir auf die Krisen, den Wendepunkten, nicht mit der Reduzierung unserer Ansprüche reagieren, entwickeln sie sich zu Katastrophen. Denn auch China und Indien wollen sich ihren Anteil holen und verschlimmern damit die Lage all der Völker, die über diese Möglichkeiten nicht verfügen. All diese Entwicklungen und Spannungen müssen sich in Verzweiflungstaten derer entladen, die sich jeder Chancen beraubt sehen und sich deshalb gegen unsere Kultur bewaffnet haben, oder gegen jene, die in ihren Ländern mit uns zusammenarbeiten wollen und die sich nun gezwungen sehen, ihre Länder fluchtartig zu verlassen.

Wir sollten also jetzt bedenken, wie unsere Geschichte einmal erzählt werden wird. Wir sollten uns nach Harald Welzer die Frage stellen: „Wie wollen wir einmal gelebt haben?“

Verzichten wir doch mal auf Trägheit

von Petra Stechele

„Wer in den Zoo geht und ein Krokodil betrachtet, betrachtet Mitteleuropa. Wohlgenährt, träge und bewegungslos liegt es da. Schon erledigt vom pausenlos guten Leben, ist ihm der Hunger nach Aufregungen schon vergangen. Deshalb stehen in vielen Städten Türme herum, von denen die Ruhelosesten in die Tiefe springen. Kein Reiseversicherungspaket begleitet sie nach unten, um heil davonzukommen. Nein, nur ein Bungee-Gummiband verspricht letzte Rettung. Unglaublich, welche Kraftakte man auf diesem Erdteil unternehmen muss, um sein Herz noch schlagen zu hören.” (Andreas Altmann. 34 Tage, 33 Nächte)

Neuerdings gibt es andere Aufregungen, andere Ängste, die uns klar machen, dass etwas in eine Richtung läuft, die uns nicht gefallen kann. Ein anderes Unten, eine andere Tiefe, in deren Bodenlosigkeit wir nicht fallen wollen. Wir beginnen die Folgen unseres Tuns zu spüren, wenn wir die Flüchtlingsströme aus dem Nahen Osten sehen. Peter Scholl-Latour hat sein Buch über die Entwicklungen in diesem Raum „Der Fluch der bösen Tat“ tituliert. Wir sollten zu vermeiden suchen, noch mehr Flüche „böser“ Taten erleben zu müssen. Wir zerstören Lebensräume anderer Menschen durch unseren Lebensstil.

Und es gibt meines Erachtens noch eine andere Form des Verzichts, als den auf Dinge, auf die man einen Anspruch hat, nämlich den auf Dinge, auf die man jahrelang glaubte, einen Anspruch zu haben, weswegen sich dann eine Gewohnheit bildete.

„Es ist einfacher ein guter Mensch zu sein, wenn man dabei nichts zu verlieren hat,“ sagte Harald Martenstein einmal in seiner Kolumne im ZEITmagazin. Ähnlich ist es auch mit dem Verzicht. Ich kann gut auf beheizte Fußballstadien und Rasenheizung verzichten, weil mich dieser Sport nicht interessiert. Meinetwegen muss man nirgendwo in Wüsten oder unterentwickelten Ländern teure Olympiastadien bauen. Den Sportfan wird das dagegen hart treffen.

In seiner negativ besetzten Ausprägung bedeutet der Verzicht eine Einbuße an Lebensfreude, nämlich genau dann, wenn ich auf all jene Dinge verzichte, die mir Freude bereiten. Aber muss das unbedingt so sein? Durch ein bisschen Nachdenken kann man in einfacher Weise neue Gewohnheiten und neue Freuden entwickeln, Neues ausprobieren. Auch alles, was nicht dauernd oder wiederholt im Übermaß betrieben wird, entlastet die Umwelt und kann den eigenen Horizont erweitern, mir neue Erfahrungen bringen. Um beim Beispiel zu bleiben: Niemand muss auf Fußball verzichten, aber muss er bei Eis und Schnee stattfinden, muss Olympia in der Wüste abgehalten werden? Viele dieser Dinge kann ich nicht direkt verhindern, aber durch mein Interesse treibe ich sie indirekt voran, durch mein Verhalten entscheide ich mit. Ich muss nicht alles mitmachen, ich kann stattdessen etwas anderes tun, anderes auswählen – vielleicht bereichert es sogar mein Leben, wenn ich mir ab und an ein anderes Vergnügen wähle.

Manchmal kann ich supergut auf ein Flugzeug verzichten, weil ich Bahnreisen schöner und erlebnisreicher finde, auch wenn sie länger dauern. Sogar dann, wenn mal ein Anschluss nicht klappt. Im überfüllten Zug beim Bahnstreik sind mir, eingepfercht auf einem engen Gang, die interessantesten Menschen begegnet – und auf so engem Raum kamen wir uns auch menschlich näher und haben mehr miteinander geredet, als wenn jeder auf seinem eigenen Sitz eingequetscht wäre. Als ich in einer kleinen französischen Stadt einen Anschluss verpasste, musste ich im Café auf den nächsten Zug warten. Es war herrlich. Dieser Vormittag ließ das Leben der Stadt und ihrer Menschen vor mir Revue passieren, bescherte mir interessante Lektüre, gutes Essen und Gespräche. All das wäre mir nicht begegnet, wenn ich den geplanten Zug genommen hätte.

Aber als mein Sohn im Ausland studierte, konnten wir nicht immer auf das Flugzeug verzichten, weil sonst manchmal aus Zeitmangel nicht möglich gewesen wäre, einander zu besuchen. Dazu habe ich beim Thema Reisen schon einiges gesagt. Zudem ist die Preispolitik der Bahn manchmal schwer zu verstehen und mit mehreren Personen ist es oft günstiger, Auto zu fahren, was nicht den realen Kosten entspricht.

Bleiben wir bei der Bewegung. Wie viel Geld wird in Deutschland und weltweit ausgegeben für Fitnesseinrichtungen, für Sportgeräte, Sportvereine, und schließlich für Folgeschäden von Sportverletzungen oder für die Schäden, die unsere körperliche Trägheit verursacht!? So haben wir Fernbedienungen, damit wir nicht einmal mehr die paar Bewegungen tun müssen, um das Garagentor zu öffnen und es hochzuschieben. Aufzüge, Rolltreppen, obwohl wir noch bestens auf den Beinen sind, Haushaltsgeräte, die uns jede Mühe erleichtern und eine Menge Tätigkeiten abnehmen, Elektrogeräte, die uns den Rechen im Garten ersetzen, den Rasenmäher, die Heckenschere. Ankauf, Instandhaltung und Ersatz defekter Geräte kosten uns viel Geld und Zeit. Wir müssen dafür mehr Erwerbsarbeit leisten, um das Geld zu verdienen. Wenn wir einige dieser Tätigkeiten in unser tägliches Fitnessprogramm einbauen, ersparen wir uns eine Menge Geld und sparen uns die Zeit im Fitnesscenter.

Sogenannte Eigenarbeit, Arbeit für den eigenen Zweck also, wird in unserer Gesellschaft wenig geschätzt. Sie hat einen geringen Prestigewert, weil sie mit wenig öffentlicher Beachtung oder messbaren Erfolgen einhergeht. Dennoch kann sie uns viel Freude machen, sie steigert unsere Kreativität und vermittelt den Flow. Das ist ein Begriff aus der Psychologie, für das höchst gesunde Gefühl ganz in einer erfüllenden Tätigkeit aufzugehen, an der wir Freude haben und der wir uns ganz konzentriert hingeben, statt immer der gleichen Routine und dem gleichen Trott in Schule, Job und Büro zu folgen oder uns von allen Medien gleichzeitig unterhalten zu lassen. Eigenarbeit ist in vielen Fällen umweltfreundlicher und gesünder als der Erwerb der Fertigprodukte, wie etwa das Kochen und Backen, aber auch der Anbau von Nahrungsmitteln. Denn sogar auf einem Balkon kann man schon viele Pflanzen selber ziehen.

Wenn man dann auch noch seine geistige Trägheit überwindet und ab und an darüber nachdenkt, alte Gewohnheiten durch neue zu ersetzen, wie etwa nähergelegen einzukaufen, mal dabei zu Fuß, und öfter zu gehen oder mit dem Fahrrad oder dem öffentlichen Verkehrsmittel, schon wieder hat man etwas für Fitness und Umwelt getan. Man kann hier durchaus manchmal auf das Auto verzichten. Kritisch muss ich allerdings einwerfen, dass man in größeren Städten nicht unbedingt leicht und gern mit Fahrrad und Anhänger mitten durch den Verkehr fahren will, weil das doch sehr unfallgefährdend sein kann und man ebenso wenig gerne seine Milch-oder Getränkemehrwegflasche weit tragen möchte. Ich sehe durchaus, dass manchmal die Infrastrukturen unserer Umweltfreundlichkeit Grenzen setzen, weil ja die vielen kleinen Läden in der direkten Nachbarschaft in den letzten Jahren verschwunden sind. Verschwunden sind sie aber, weil wir ja gerade sie nicht mehr wollten, denn wir wollten ja mit unseren fetten SUVs lieber bequem parken und das war nur in den Gewerbegebieten möglich. Dafür nahmen wir bereitwillig in Kauf, dass unsere Landschaft mit Betonbaracken und Parkplätzen zugepflastert wurde. Es ist eine selbstverschuldete Entwicklung, die wir durch unser Verhalten in Gang setzten und so auch wieder rückgängig machen können.

Müll kann man reduzieren, indem man weniger Verpackung benötigt und selber Dosen und Tüten mitnimmt, auch, indem man die Art der Verpackung wählt, also auf Plastik verzichtet. Ein bisschen Mitdenken hält den Kopf fit und reduziert Abfälle leicht um zwei Drittel. Bewusst konsumieren, das heißt für mich auch, dass ich überlege, was ich mit meinem Einkauf unterstützen will. Manchmal kann ich nur wählen, entweder Bio oder weniger Müll. Manchmal sind eben die Produkte nicht perfekt umweltfreundlich.

Ich spare Papier, aber vor allem, Drucker- und Kopierpapier, das kann ich bedenkenlos reduzieren. Ich rege in meiner Stadt den Gebrauch von Recyclingpapier an Ämtern und Schulen an, aber auch als Hygienepapier in privaten Haushalten.

An Büchern und Zeitungen spare ich nicht so gern, weil sie für mich meist, wenn auch nicht immer, Kultur und Bildung repräsentieren, geistige Auseinandersetzung mit wichtigen Themen, weil von ihnen Autoren und Journalisten leben, die sich diesen Aufgaben verschrieben haben und meist nur sehr wenig Geld dafür bekommen, nicht selten sogar noch einen Broterwerb zusätzlich ausüben müssen. Ich will sie daher unterstützen dabei, wichtige Gedanken unter die Menschen zu bringen, denn wenn sie es nicht tun würden, wäre kritische politische Meinungsbildung aber auch kulturelle Auseinandersetzung nicht möglich. Zudem kann ich anders mit einem Buch arbeiten, als mir dies am Bildschirm möglich ist. Beides hat Vorteile und ich versuche es sinnvoll abzuwägen.

Ich kann auch ganz leicht auf jene Sparte des Konsums verzichten, die sich in bunten Plastiktretern, Geschenk- und Dekoartikeln manifestiert, in billigem Plastikspielzeug für Kinder, das meist scheußlich aussieht, unästhetisch ist und auch schnell kaputt. Gerade zu den Festzeiten überschwemmen uns die Läden mit ihren meist chinesischen Billigprodukten, die danach bedenkenlos entsorgt werden.

Seit beinahe vierzig Jahren habe ich dieselben Möbel, weil ich mir einmal qualitativ gute, zeitlose Stücke gegönnt habe, die optimal in meine Räume passen und daher noch immer einwandfrei aussehen. Auf einige davon habe ich sogar länger gespart. Mit Kleidung verhält es sich ähnlich. Man muss nicht dem Trend folgen und wöchentlich nach der neuesten Mode gekleidet sein, nur weil der Laden schon wieder neue Stücke hat. Auch mit längeren Zyklen kann man attraktiv aussehen.

Überflüssiger Konsum, der sich in billigen Werbegeschenken, Pröbchen und Beigaben zu anderen Waren darstellt, muss manchmal mit etwas Mühe abgelehnt oder sogar zurückgeschickt werden, was mit etwas weniger Trägheit ganz einfach ist: zurück an den Absender drauf und rein in die Post. Das kommt in der Regel nicht wieder.

Gewünschte Veränderungen kann man mit etwas Kreativität durch Wiederverwendung und Zweckentfremdung, wenn man aus Altem Neues macht, schnell erreichen. Dann kann schon gar nicht mehr von Verzicht gesprochen werden, er ist gar nicht dazu nötig. Man erspart sich den Erwerb neuer Produkte, man produziert sie selbst durch eigene Kreativität. Zum Beispiel hatte ich Handtuchhalter aus nicht benötigten Drahtkleiderbügeln zurechtgebogen, Vorhänge aus übrigen Geschirrtüchern genäht, Kissenbezüge aus Halstüchern und Verpackungen als Windlichter und Blumenvasen verwendet.

Manchmal hätten wir schon viel erreicht, wenn wir auf ein bisschen Trägheit verzichten könnten, wenn wir uns die Mühe machen würden, vorher über unser Tun und unsere Konsumentscheidungen nachzudenken, wenn wir manchmal etwas weniger oft tun würden. Die Wirkung wäre vortrefflich! Aber so flüchten wir uns in die Ausrede: Wenn ich nicht alles tun kann, dann tu ich lieber gar nichts.

Nicht zuletzt auch deshalb, weil wir einem ewigen Rechtfertigungszwang unterliegen, ganz besonders im Umweltschutz. Er wird von manchen dogmatisch gehandhabt und betrieben mit dem Moralismus, manchmal sogar dem Fanatismus einer Religion. Dann wundert man sich, wenn manche Menschen nicht mehr mitmachen wollen, obwohl doch so logische Gründe dafür sprechen. Denn natürlich sind wir alle nicht perfekt, denn natürlich haben wir manchmal triftige Gründe, das Auto zu nehmen, Transporte, das Wetter, ein kaputtes Knie, ein Baby, unzureichende Verkehrsmittel! Es ist Unsinn, sich das gegenseitig vorzuwerfen.

Dennoch gilt, manchmal auf träge Gewohnheiten zu verzichten, bringt allen etwas!

Andreas Altmann schildert in Gebrauchsanweisung für die Welt folgende Beobachtung: „Doof sein ist leicht, viel leichter, als das Hirn in Betrieb zu nehmen. Das erinnert mich an Passagiere, die nach einem 12-Stunden-Flug in der Ankunftshalle die Rolltreppe benutzen, statt sich vor die erste Treppe zu knien, aus Dank, wieder den Leib spüren zu dürfen. Nichts würde sie physisch hindern, aber sie wollen träge sein. Dieses geistig-körperliche Versumpfen, dieses Fettwerden oben und unten, ist es das, wofür wir leben?“

„Ah, die Routine. Sie ist eines der gefährlicheren Gifte. Vor dem keiner von uns gefeit ist. Sie ist der Erzfeind der Neugier, sie ist das träge Fleisch, der innere Schweinehund, eine wahre Massenvernichtungswaffe.“

Minimalismus versus Opulenz

von Petra Stechele

Karl Lagerfeld hat vor Jahren einmal gesagt: „Zu viel darf nicht genug sein.“

Man könnte das beinahe als DAS Manifest des entfesselten Kapitalismus bezeichnen.

Aber dieser Satz spottet natürlich jeder Logik, denn zu viel ist zu viel. Das ist die schlichte Bedeutung der Wörter. Und dennoch die Natur lehrt uns nicht Knappheit, nicht Freudlosigkeit. Die Natur lehrt uns Opulenz, Fülle, Schönheit. Wenn wir sie nicht stören, ist sie durchaus fähig das hervorzubringen. Sie tut dies, indem sie ihre Abfälle als Nahrung wiederverwendet nach dem Prinzip: Waste is Food. Wir brauchen uns dabei nur einmal einen Kirschbaum in voller Blüte vorzustellen. Nur lehrt sie uns dabei auch die Regel der geschlossenen Kreisläufe.

Fülle, Reichtum und Opulenz sind nur in geschlossenen Kreisläufen möglich, wie das schon Michael Braungart vor langer Zeit festgestellt hat. Solange unsere Produktion, unsere Wirtschaft, unsere Zivilisation dazu nicht in der Lage ist, kann sie sich Opulenz und Fülle nicht erlauben. Sie kann es sich dann nicht erlauben, wenn sie die ihr zur Verfügung stehenden Ressourcen in einem Maße verbraucht, das sich zerstörerisch auf das Leben der Zukunft auswirken muss. Zur Zeit wirbt der World Wild Life Fund (WWF) mit einem Plakat auf dem steht: „5€ retten eine bedrohte Art: dich! Der Amazonaswald schützt auch unser Leben. Schützen wir ihn.“ Das ist ein ernster Aufruf, uns darüber klar zu werden, wie viel wir zerstören von unseren eigenen Lebensbedingungen. Am besten schützen wir ihn, wenn wir uns für den Klimaschutz und gegen die Abholzung einsetzen. Schuld daran ist unser Lebensstil. Wir verbrauchen den Wald für Papier, für Plantagen, für Möbel.

Deshalb sollten wir hier mal den Minimalismus von seiner positiven Seite betrachten. Minimalismus heißt: ich beschränke mich auf das minimal Notwendige. In meinem privaten Leben kann ich das durchaus im Rahmen der geschlossenen Kreisläufe aufbrechen. Wenn ich es schön haben will, kann dekorieren mit Dingen, die ich in der Natur finde, mit Dingen, die ich wiederverwende, die ich aus dem Kreislauf für eine Zeit entferne, um sie später zurückzugeben.

Kürzlich war ich zu Besuch in Amsterdam, in einer Wohngegend mit sehr großen Fenstern zu den kleinen Gassen. Im Vorübergehen bei Dunkelheit sah ich plötzlich in einen hellerleuchteten vorhanglosen, loftartigen Wohnraum – und erschrak: denn er war bis auf den letzten Zentimeter vollgestellt mit Kram, die Leute hatten kaum Platz sich zu bewegen. Küchentheke und Esstisch waren voll mit Fläschchen, Figürchen, Geschirr und, und, und. Die Personen schienen beinahe darin zu verschwinden, erdrückt von all dem Zeug. Sie wirkten unbeweglich, eingeschränkt. Wie ein Teil ihres eigenen Museums. Ich stellte mir vor, darin leben zu müssen.

Ab und an wunderte ich mich, warum meine Nachbarn dreimal so viel Müll haben wie ich, warum bei ihnen ständig der Sperrmüll kommt und der ganze Hausrat vor der Tür landet. Ab und an wunderte ich mich, warum manche Menschen über nichts anderes mehr reden, als über ihre Shoppinggewohnheiten und –gelegenheiten. Ab und an wunderte ich mich, warum die Wohnungseinbrüche die Autodiebstähle an Zahl inzwischen überholt haben. Seit ich dieses Bild sah, wundere ich mich nicht mehr.

Minimalismus entlastet. Ich versuche seit einiger Zeit monatlich einen Wäschekorb voll nicht mehr benötigter Dinge, an das Sozialkaufhaus oder andere Einrichtungen zu spenden. Mit jedem Korb, den ich aus meinem Haus entferne, erleichtere ich mir gleichzeitig das Leben, weil sie meinen Haushalt verkleinern. Ich muss diese Dinge nicht verwalten, nicht umräumen, nicht anwenden, nicht benutzen und nicht pflegen. Zunehmend gewinne ich Zeit für Dinge, die mir wichtiger sind. Vor allem für soziale Kontakte. Selten benötigte Dinge kann man auch einmal ausleihen.

Auch hierzu findet sich ein schönes Zitat bei Andreas Altmann „Und so schleichen die einen davon, während die Müllmänner und Müllfrauen – all jene eben, die gern Müll shoppen – zurück in ihrem Viel-Tonnen-Haus bleiben, vor der Fünf-Tonnen-Garage, der Zwei-Tonnen-Blechkuh, ja sie selbst – die unbeweglichen Stubenhocker – schon zur Tonne mutierten: Weil so viel Besitz keinen Auslauf mehr erlaubt, weil er bewacht, umzäunt, diebstahlversichert, wasserversichert , feuerversichert, sturmversichert, alarmknöpfe-vermint, ja abgestaubt, neu gestrichen, frisch geschmiert, vertieft, erweitert, vergrößert werden muss. Damit sie im Kuhdorf Quakenbrück (nur ein Beispiel) jeden Tag um die Wette protzen können: Wer hat am dümmsten seine Lebenszeit vertan? Wer stirbt als Erster an Raffsucht? Wer will der Reichste auf dem Friedhof sein?“

Ja, so von der Hand zu weisen ist auch dieser Gedanke nicht, denn wie viele erkranken an dieser typischen Krankheit unserer gierigen Zeit, die man Burn-out nennt, arbeiten zu viel shoppen zu viel, oder sitzen zu viel oder zu lange im Büro oder vor den Bildschirmen. Denn zu viel ist eben zu viel! Sie bewegen sich zu wenig?

Ja, ich stelle täglich fest, wie es entspannt, wie es befreit, weniger Dinge benutzen, pflegen und sauber halten zu müssen. Es bringt Klarheit ins Leben. Und auf einmal brennt nichts mehr aus. Auf einmal hat man Zeit, Zeit für das, was Nathalie Knapp in ihrem Buch Kompass neues Denken als Resonanzerlebnisse bezeichnet: intensive Begegnungen und Gespräche mit interessanten Menschen. Begegnungen, die nichts kosten. Oder jene Flow-Erlebnisse, Tätigkeiten, die uns so viel Freude machen, dass wir darin völlig aufgehen.

Zeit eben. Die Zeit, zu leben.

Die Schriftstellerin Colette schrieb einmal: „Ich hatte eigentlich ein wunderschönes Leben. Leider habe ich es zu spät gemerkt.“